Gewohnheitsschauer

11. Oktober 2006, 14:32
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Verweigerungstaktik: Jessica Hausners „Hotel“

Der Titel von Jessica Hausners Film lautet Hotel. Ein Ort voller Potenzial, und eben kein Name, keine Person. Lovely Rita hieß Hausners erster Langfilm. Rita, die es müde war "lovely" zu sein. Man könnte aus der Ansammlung von Vornamen in Filmtiteln ein eigenes Genre generieren. Humor und Selbstbewusstsein, Melodram und Arbeitskampf – mit wem die Heldin was auch immer erleben wird, der Titel will uns daran erinnern, wer im Mittelpunkt steht.

 

Ein Hotel hat erst einmal kein Zentrum, sondern eine Rezeption. Eine kleine international ausgerichtete Schaltstelle, die gemeinhin Kommunikationskompetenz und Fähigkeiten im Multitasking erfordert. Aber in Österreich ticken die Uhren manchmal anders. Irene (Franziska Weisz), die Protagonistin von Hotel, hat einen Job als Rezeptionistin angenommen, im "Waldhaus". Das ist kein Grandhotel, und Gäste tauchen nur sporadisch auf. Der Wald, der sich um das Haus erstreckt, wird nicht als idyllisches Naherholungsgebiet in Szene gesetzt, sondern als etwas abstrakt Unheimliches.

Manchmal sieht die Ansammlung von Bäumen auch aus wie eine Tapete. Jessica Hausner zitiert Suspense als Stilmittel, lässt unsere Erwartung aber bewusst ins Leere laufen. Die Bedeutung, die die Kamera suggeriert, indem sie scheinbar unnützen Raumeinheiten besondere Aufmerksamkeit schenkt, bleibt ohne Folgen. Das Unheimliche bleibt im subjektiven Blick von Irene verhaftet, und das Schauermärchen spielt sich weniger im dunklen Wald ab als vielmehr in den Mienen und Verhaltensweisen der Kollegen, in der Wiederholung, der Gewohnheit.

Irene will es nur recht machen. Adrett, die dünnen blonden Haare straff nach hinten zu einem Pferdeschwanz gebunden, immer ein freundliches Wort auf den Lippen, will sie Schwung in die Sache bringen. Aber jegliche Ambition wird im Keim erstickt. "Zu viel denken ist nie gut." Klare Einstellungen – und einige Takte Musik – strukturieren diesen Film. Wir sehen Irene oft in einer Halbtotalen, wie sie ins Bild kommt und wieder daraus verschwindet, während die Kamera weiter auf einen nun leeren Raum gerichtet bleibt. Vieles ereignet sich im Off. Hausner weigert sich, irgendwas zu Ende zu erzählen.

Am Schluss mag man sich fragen, warum der Film nicht einfach "Irene" heißt. Die spröde Verweigerungshaltung lässt nicht nur an eine neue österreichische Schule denken. Sie erinnert vielmehr an die jungen Kolleginnen und Kollegen aus Berlin – an Titel wie Milchwald (Christoph Hochhäusler), Marseille (Angela Schanelec) und Bungalow (Ulrich Köhler), die ebenfalls schon vor dem ersten Bild Fokus und Erwartungshaltung verschieben.

Marseille ist kein Stadtführer und Bungalow keine Bauanleitung, aber die Titel verweisen darauf, dass hier soziale Ereignisse über den Umweg eines Gebäudes oder urbaner Architektur erzählt werden. Das Gegenteil eines Melodramas.

Annett Busch, Freie Autorin, Filmkritikerin,
Mitbegründerin von Missing image

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