Der Geschichtenfinder

9. Oktober 2006, 23:15
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Wolfram Paulus im Porträt*

Die Berliner Filmfestspiele im Februar 1986. Scheinwerfer, Mikrofone, Pressekonferenz. Zwei Sätze genügen. Da spricht einer eine eigenartige Sprache. Zwischen Flensburg und Rosenheim redet keiner so. Auch südlich von Rostock wäre er beim ersten Wort als Fremder entlarvt. Wolfram Paulus ist in Großarl, im Pongau aufgewachsen.

 

Wenige Minuten vorher lief sein erster Kinofilm Heidenlöcher im voll besetzten Zoo-Palast als österreichischer Wettbewerbsbeitrag. Ehrlicher Applaus begleitet die Schlusstitel. Paulus könnte strahlend Lügen erzählen und alle würden mitschreiben.

Nichts davon, er nimmt keine Rücksicht auf geschäftstüchtige Hintergedanken, sondern erzählt von Defiziten, die schmerzen, wenn einer Bilder im Kopf hat, die nur zum Teil auf der Leinwand sichtbar werden. Rückblende: Mit acht Jahren wird Paulus kinosüchtig.

Sein Vater, Lehrer im Brotberuf, Visionär in der freien Zeit: Fast 50 Filme aller Genres hat er mit Kafka im Kopf und den Mauern filmindustrieller Ablehnung vor Augen gedreht. Plötzlich geht’s nicht mehr. Der 14-jährige Wolfram springt ein. Mit einer Bolex zum Aufziehen, im Normal-8-Format. Die Darsteller: Holzknechte.

Paulus jr. fasst Mut. Mit einer Super-8-Kamera verfilmt er Jacques Preverts Gedicht Botschaft und beobachtet seine Umgebung. Ein anderer Film, Träumereien: Zwischen Wiesenblumen stirbt die Kindheit. Gnadenlos dokumentiert die Kamera den Verfall eines Zustands, den Psychologen als erste große Zeit lebensbestimmender Verluste mit dem Schubladenhinweis „Pubertät“ beschreiben. Paulus Glück.

Er ging dann in die Münchner Filmschule. Nur 16 Minuten beansprucht sein erster Übungsfilm. Der Titel ist so schwierig wie einfach: Houng. Bauern in den Salzburger Bergen. Wenn sie im Frühjahr Gebirgszäune reparieren, heißt das Houng und bedeutet Arbeit.

1980: 18 Minuten lang: Kommen und gehn. Endlich eine Stadt, Salzburg; drei Personen und ein Psychogramm. Die individuelle Handschrift ist nicht mehr zu übersehen. Noch immer keine Farbe im Bild, dafür umso genauere Details; Ellipsen in der Erzählstruktur, wie bei Bresson.

1981: Wochenend. Nicht so schrill und laut inszeniert wie Godards Weekend. Kaum ein größerer Kontrast ist denkbar. Wo Godard mit gewagten Bildassoziationen viele Geschichten auf einmal erzählen wollte, sucht Paulus die Konzentration: „Ich bin kein Revolutionär und will auch keine neue Philosophie erfinden, sondern einfach Geschichten erzählen, die mich betroffen machen.“ Den Plot von Heidenlöcher hörte Paulus zum ersten Mal in einem Salzburger Wirtshaus.

Das hat fast etwas Archäologisches: „Die G’schicht muaß i auf der Stroßn finden kenna.“ Wenn ihn jemand fragt, was denn seine Botschaft sei, reicht ihm ein altes John-Ford-Zitat: „Go to Western Union or the next post-office.“

*Auszüge aus einem Artikel im Rahmen der Standard-Serie „Die Kinomacher“ aus dem Herbst 1989

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