Die Praxis des Blicks

9. Oktober 2006, 23:15
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Zu VALIE EXPORTS „Die Praxis der Liebe“

Die Praxis der Liebe (1984) beginnt mit den Dreharbeiten zu einem TV-Beitrag über Peepshows, einem paradigmatischen Schauplatz der feministischen und postfeministischen Ära, wo das Private und das Öffentliche eins und ein politisches Thema werden.

 

Der Vorspann weicht in seiner Stille und Schönheit von traditionellen Interpretationen der Peepshow ab: Unter den Credits werden Frauenkörper auf Frauenkörper projiziert, ein Gesicht im Profil kommt auf einem Bauch zu liegen, Augen auf Hüften, Lippen auf Schultern – Fragmente in Bewegung, die einander überlappen, ergänzen oder widersprechen.

Die abstrakte Musik und der langsame Rhythmus der Bilder schaffen einen heterotopischen Raum, in dem die Frauenkörper – endlich – unter sich sind, in dem, was angesehen wird, mit dem Blick selbst wortwörtlich zur Deckung kommt. Dieser – ideale – Zustand dauert naturgemäß nur kurz, die Realität der Hamburger Peepshow dringt zunächst über die Tonspur ein, andere Musik bringt einen anderen Rhythmus.

Die Kamera schwenkt nach rechts, da steht Judith Wiener, sie filmt eine Peepshow- Akteurin bei der Arbeit. Sie setzt ihre Kamera kurz ab, richtet sie dann auf ein sich öffnendes Fenster und den dahinter wartenden Voyeur. Das Dispositiv wird erweitert: Judith ist die Frau, die sowohl selbst schaut als auch angeschaut wird. Das ist die ambivalente Position, die ihr vor allem im Kontext ihrer Liebesbeziehungen zum Problem wird. Als sie im Zuge ihrer Recherchen rund um einen vermeintlichen Selbstmord Verbindungen zu ihren beiden Liebhabern entdeckt, fallen auch in Judiths Beziehungen das Private und das Öffentliche zusammen und bekommen eine politische Dimension: Sie ist einer Waffenschmuggelaffäre auf der Spur (tatsächlich wird in Österreich 1985 ein solcher illegaler Waffenschmuggel, der Noricum-Skandal, aufgedeckt werden).

Als Die Praxis der Liebe Anfang 1985 als ihr dritter Spielfilm in die Kinos kam, war VALIE EXPORT eine etablierte Künstlerin, die Österreich 1980 bei der Biennale von Venedig vertreten hatte.

Ihre Aktionen, Expanded- Cinema-Arbeiten, Avantgardefilme, Videokunst und konzeptionellen Fotografien – die kondensiert auch in die Spielfilme eingeflossen sind – hatten sich in die Kunstgeschichte eingeschrieben.

Die Praxis der Liebe löste demgemäß ein großes Medienecho aus, es wurde viel geschrieben und gesagt, über Inhalt und Form eines Films, dem ein dichtes Netz an Kontexten und Reflexionsebenen zugrunde liegt, ein klassischer postmoderner Text sozusagen. Seine filmischen Qualitäten – vor allem kunstvoll konstruierte Kamerafahrten, der Einsatz von Farben und Licht – wurden bislang kaum wahrgenommen und diskutiert.

Der US-Autor und Filmkritiker Gary Indiana verglich EXPORT mit Godard und Rivette und schrieb: „She is one of the five or six truly original filmmakers working in Europe today (…).”

Sylvia Szely, Film- und Fernsehhistorikerin, Herausgeberin eines Buchs zu VALIE EXPORTs Filmen (Frühjahr 2007)

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