Wir lehnen es ab, unparteiisch zu bleiben zwischen gut und schlecht

5. Oktober 2006, 15:02
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Juror zu sein ist zunächst mühsam - Die Belohnung für Juroren ist aber nicht das "Richten über andere" - Von Tibor Bárci

Juror zu sein ist zunächst mühsam. Das ist hier in Portoroz nicht anders als in Cannes oder Chicago. Als in London, Barcelona oder in Wien. Spreu vom Weizen zu trennen ist bekanntlich eben anstrengend.

Die Belohnung für Juroren ist aber nicht das "Richten über andere", wie manche glauben. Die Belohnung liegt in den Diskussionen mit den Jurykollegen. Gegenseitiges Lernen ist nirgends so befruchtend wie in einer internationalen Jury. Wenn unser schwedisches Jurymitglied von Kollegen aus Rumänien oder Slovakien hört, was Diktatur oder Zensur im wirklichen Leben bedeuten, dann geht das über bloßen Branchentratsch hinaus. Wie langweilig sind doch sogenannte Kommunikationsevents im Vergleich.

Wir sprechen - angeregt durch die eingereichten Kampagnen - über die Probleme der Frauen in anderen Gesellschaften (kein Grund für uns Österreicher, überheblich zu werden!). Wir entdecken bei der Diskussion einer anderen Kampagne, dass auch in anderen Ländern Leute gerne über Bücher reden, die sie nie gelesen haben. (Bei uns ist es Musil's "Mann ohne Eigenschaften" - auch andere haben ihre Musils.)

Wer immer noch glaubt, es gäbe so etwas wie "Ostwerbung", täuscht sich sehr. Die Mutigen haben dort ebensoviel/ebensowenig Mut wie hier. Die Oberflächlichen machen dort ebenso viel Oberflächliches wie hier. Technische Standards sind sogar teilweise besser. (Liegt das an der Filmtradition dieser Länder, die Österreich verschlafen hat, immer noch verschläft?)

Kreativität ist etwas Rares. Nur jede zehnte eingereichte Arbeit schafft es, ausgezeichnet zu werden. Das ist weltweit so. Kreativität ist eben die Ausnahme von der Regel, das Seltene. Das ist nur für jene eine schlechte Nachricht, die Tag für Tag in Konventionen steckenbleiben und glauben, eine Jury wäre sowas wie eine Lotterie; in der man nur oft genug mitspielen muss um einmal zu gewinnen. Aber es ist eine wunderbare Nachricht für alle, die das Neue, Unerwartete, Überraschende suchen. Für alle, die bei der Wahl zwischen guten und schlechten Ideen nie unparteiisch bleiben.

PS: Gewöhnt euch langsam an kreative Superstars, die Asja, Miloslav, Ivica, Alicja, Erko, Vaclav, Gábor, Dariusz, Draginja oder Vesna heißen.

Zur Person
Tibor Bárci ist Präsident des Creativ Club Austria und berät derzeit die Agenturgruppe Jung von Matt beim Aufbau eines Osteuropa-Netzwerkes. Er ist Präsident der Ad Campaigns Jury beim diesjährigen Golden Drum Festival in Portoroz.

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