Der König im Nest

9. Oktober 2006, 23:15
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Betrachtungen zu „In Schwimmen-zwei-Vögel“

Als Kurt Palm in der DDR lebte, hatte er natürlich auch das Fernsehen der DDR. Das beweist sich dadurch, dass er damals den Bruchteil einer Sekunde „Schni“ zu nennen pflegte, weil damals Karl Eduard von Schnitzler im DDR-Fernsehen täglich unter dem Titel Der schwarze Kanal einen Kommentar sprach und alle Welt, der Globus gleichsam ein bisserl verrutschte, blitzartig zum Fernsehapparat stürzte, um ihn abzudrehen. Und diesen Bruchteil einer Sekunde nannte Palm „Schni“, weil dieses Hüpfen des Globusses solange dauerte wie die erste Silbe des Propagandisten.

 

Damit will Kurt Palm ganz klar machen, dass er kein voller Anhänger des Sowjetkommunismus war. Aber natürlich, wenn die Nachmittage lang sind, und geschlechtlich auch nichts anlag, wird ihm wohl auch nichts anderes geblieben sein, als die wunderbaren Märchenfilme, die zum Beispiel in Prag entstanden, im Fernsehen geschaut zu haben. Auch ich schaue noch heute nichts lieber im Fernsehen als Märchenfilme aus Prag.

Dann aber kehrte Palm zurück in sein Heimatland Österreich und vernarrte sich in den 5. Oktober, das war der Geburtstag des Iren Flann O‘Brien, und das war ein wundervoller Schriftsteller, der einen Riesenroman schrieb, den Harry Rowohlt ins Deutsche übersetzte, und den Palm zu lesen begann und nie mehr aufhörte zu lesen, bis er ihn in die damals himmlische „Sargfabrik“ vertheaterte, die dann später als das einzig brauchbare Theater Wiens natürlich niedergerissen wurde und danach zu einem Palmfilm verfilmte.

Palmfilme mag ich, weil sie immer so sind, dass ich sie verstehe. Also ich kann ihnen mühelos folgen. Allein dafür müsste Palm mich zahlen, als Niveau- Messung des Folgenkönnens des „Volkes“. Was ich sozusagen nicht verstehe, filmt automatisch Palm nicht. Und darum sind wir zusammengeschweißte Unzertrennliche. Und je steinälter wir werden, umso!

Palms Filme sind im Prinzip von den Märchenfilmen der DDR und der damals noch „CSSR“ genannten „Tschechoslowakei“ inspiriert. Und dies meine ich keinesweg zynisch, sondern meine Hirnlage befindet sich dermaßen glückhaft in der Schwebe zur Unsicherheit, sodass sie nie weiß, wie ich’s meine.

Kaum schreibe ich einen Satz, schon hockt er sich dort hin. Ich heiße ja unter anderem auch „Fenz“, was in jedem Duden steht und meint „Grenzpflock/Zaun“, weil ja mein väterlicher Großvater mütterlicherseits noch „Zauner“ hieß und trinkender Tischler und Sargmacher war, der, wenn er vom Saufen heimkam, nachts, so sagt die Legende, sich nicht ins Schlafzimmer zu seiner Gattin legte, sondern gleich in die Werkstatt, sich in einen Sarg kuschelte, den er sich extra tischlerte, also in Nalb.

Und also seine Tochter, meine väterliche Oma, die bis dorthin eine geborene Zauner war, sich natürlich 1902 gleich einen „Fenz“ aus Obernalb suchte, während sie aus Unternalb war, um ihn 1952 dann zu meinem väterlichen Großvater zu machen.

So in etwa verläuft der Film auch. Es spielt in der Nacht eine himmlische Eule in dem Film mit, und Herr Friesinger spielt den Teufel, der in einem kleinen Häuschen lebt, und den Butros-Butros Karli Bruckschweiger foltert, dass er seither lebenslang Brustwarzenweh hat. Und In Schwimmen zwei Vögel ist ein „Erster Film“, was ich wichtig finde, weil ja nach so einem „Ersten Film“ alle Regissöre verbrannt gehörten, damit sie nicht weiterfilmen.

Also, Johannes Friesinger spielte den Teufel, und Kathy Tanner, seine Gattin, darf nur einen Satz sagen, und der süße Markus Reinberger spielt den Verfolgten, und ist so hübsch und wird prompt eingeholt vom Verfolger und der reißt ihm sein Gewand vom Leib, sodass er nackt weiterflüchten muss. Der Arme.

Allein schon deshalb würde ich den Film mir kaufen, wenn mir nicht die Rotarier am 15. Juli dieses Jahres rund tausend Videos entsorgt hätten und fünftausend Printprodukte.

Aber jetzt konzentriere ich mich aufs Sterben, was mein Urgroßvater mütterlicherseits schon hinter sich hat (das ist der mit dem Sarg). Weil ja ich jetzt mir keinen Sarg leisten kann und auch nicht – niemals – ins Kino gehe.

Weil ich ja auch kein Cineast bin, und kein Taxi heim mir leisten könnte. Gerade Fisolensalat aus der Dose. Das ist alles. Und Corned Beef. Das ist das Irischste an mir, dem Flann O‘Brien zu Ehren, der ja auch ein großer Kolumnist war in Irland und an einem 5. Oktober geboren wurde wie ich.

Wobei ich ja Harry Rowohlt bei einem Übersetzungsfehler erwischte. Denn der Ort, an dem der Roman spielt, (und er spielt im Film auch in einem traumhaften Waldviertler Ort) – also der Fehler beim Übersetzen liegt schon im Titel. Denn es waren zwei bemitleidenswerte Vögel verstorben und „trieben“ daher in dem Ortsteich, wo der Roman sozusagen spielt. Also müsste alles korrigiert werden in „In Treiben Zwei Vögel“, aber Palm ist sehr prüde. Aber das Himmlischste ist der bibbernde, frierende König, der in einem Vogelnest wohnen muss und vor Kälte und Nacktheit schlottert. Sodass jeder dieses Bild nie mehr vergisst, wie der friert. Allein deshalb müssen Sie den Film kaufen. Und Sie werden Ihr ganzes Leben lang nie wieder frieren müssen.

Verstehen Sie, Duhsub, deshalb müssen Sie diesen Film anschauen. Und natürlich wegen Fritz Ostermayer, der einen Ochsen gibt und im Gerichtsverfahren als Zeuge auftritt, und wegen Tex Rubinowitz, der ein Religionsschüler ist, und nicht und nicht fertig wird mit dem Lernen, und seinem Onkel, dem verzweifelten Burgtheaterschauspieler namens Hermann Scheidleder Sorgen bereitet.

Oh Gott, wie verstehe ich alle, und liebe den Film und den Palm und empfehle beide von Herzen gern weiter.

Und die Filmkritiker sollen sich ein bisschen zusammenreißen. Noch nie hat eine Filmrezension mich in ein Kino gebracht! Das würde ich zum Kriterum einer „Romy“ machen.

Wer mich in ein Kino bringt, der müsste eine „Romy“ kriegen . . .

Hermes Phettberg, Autor, Talkmaster, Elender ist Kurt Palm seit Langem zugetan. Gemeinsam kreierten sie ein legendäres TV-Programm – die „Nette Leit Show“. Und während Phettberg unermüdlich an seinem großen „Falter“- Kolumnen-Epos (bei Galrev, Zürich erschienen unter dem Titel „Hundert Hennen“) weiterschreibt, drehte Palm zuletzt Lehrfilme über Adalbert Stifter („Der Schnitt durch die Kehle“) und Wolfgang Amadeus Mozart („Der Wadenmesser“).

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