Pokornys Prominente

9. Oktober 2006, 23:15
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„Das Ehrenkleid der Exekutive“, usw.: „Kurzer Prozess“

Hinter den Deckmäntelchen individueller Einfalt und unter recht schlichten Bedingungen auf heillose Verkomplizierungen zu stoßen, die irgendwann nicht zuletzt die Sprache infizieren: Es wäre – auch wenn man jetzt auf Kottan und Brenner schauen mag – historisch eher kurzsichtig, wenn man dies in Österreich als Konstante lediglich den Kino- und TVKrimis zuschreiben würde. „Wenn alle Stricke reißen, häng’ ich mich auf.“ Nestroy.

 

„Jetzt vor den Wahlen muss man doch aufpassen – vor den Wahlen . . .“ Kurzer Prozess. In dem Fall Franz Stoss als Ministerialrat, der „das Ehrenkleid der Exekutive hochhalten!“ will. Und ansonsten eben Qualtinger, der als Inspektor Pokorny, in das „miese Kaff“ Mühlbach versetzt, gern „die ganze Gemeinde erschlagen würde“.

Ja, das hat alles seine (Volksstück-)Tradition, und es ist erstaunlich, dass es immer wieder als Ausnahme gesehen wird, die halt irgendwelche Regeln bestätigt, egal ob jetzt Hader als Brenner „schon wieder etwas passiert“, oder ob Vogel/Buchrieser/ Resetarits jeweils als Kottan vor grotesken österreichischen Verstrickungen irgendwann einmal nur noch Karaoke praktizieren. Insofern gilt Kurzer Prozess nach der etwas verqueren österreichischen (Un-)Logik immer noch als so etwas wie ein aus der Reihe tanzender Ausnahmefall – und ist doch eigentlich souveränste Ausprägung einer heimischen „Schule“, in der sich die Verhältnisse sehr schnell bis zur Kenntlichkeit verwirren.

Sind es drei, vier, fünf Fälle, die Qualtinger in Mühlbach lösen muss, ohne die Prioritäten wirklich setzen zu können, was sich letztlich ja als durchaus effizient erweist? Wenn man nicht sehr aufpasst bei Kurzer Prozess, oder wenn man sich von Qualtingers beiseite gesprochenen Depressionsgeständnissen zu sehr ablenken lässt, dann verliert man schnell den Überblick, wird quasi selbst zum Pokorny.

Ein Polizist kommt wegen eines Postamt- Überfalls. Der Sohn eines Alkoholikers hat sich angeblich erhängt, wurde aber vermutlich ermordet, ein reicher Unternehmer ist verschwunden, die Auslagenscheibe eines Juweliers wurde eingeschlagen: Was hängt zusammen? Egal, alles bleibt an Pokorny hängen. Zumindest.

Sieht man Michael Kehlmanns Film ohne Tonspur, dann fällt auf, dass die geistige Enge von Mühlbach/ Litzelsdorf starke Entsprechung in einer Konzentration auf Innenräume findet. Das mag zum einen an der Produktionslogik eines ursprünglich fürs Fernsehen gedachten Films liegen, aber es stimmt auch im Kino total, erst recht wenn dann fast dokumentarisch harte Aufnahmen von Einfamilien-Einheits-Siedlungen oder verarmten Kleinhäuslern gewissermaßen den V-Effekt zum dramatisch Kompakten formulieren. Und natürlich ist dies nicht nur ein Qualtinger-Film. Wir sagen nur: Kurt Sowinetz! Walter Kohut! Elisabeth Orth! Aber, mit Pokorny: „Prominent sind bei mir nur Mörder oder Ermordete. Manchmal . . .“

Claus Philipp, Kulturressortleiter des Standard

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