Schlamperte Herzen

9. Oktober 2006, 23:15
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Erinnerungen an Michael Kehlmann (1927–2005)

Standard: Was war Ihr erster Gedanke, als Sie von Michael Kehlmanns Tod erfuhren? Gerhard Bronner: Kehlmann hinterlässt dort, wo er früher einmal war, im Theater wie im Fernsehen, eine große Lücke.

 

Er war ein großartiger Entdecker von neuen Talenten. Er hat auf eine Art und Weise die Menschen zum Blühen gebracht, wie ich es nur bei wenigen anderen Regisseuren gefunden habe. Er hat zum Beispiel für ein breites Publikum Ödön von Horváth salonfähig gemacht, mit exemplarischen Aufführungen im „Kleinen Theater“ im Konzerthauskeller.

Später, mit seinen Fernsehbearbeitungen, hat er Joseph Roth auf unnachahmliche Weise in Szene gesetzt.

Standard: Was verband ihn mit Horváth? Bronner: Ich hatte das Gefühl, dass auch Kehlmann ein Interpret der schlamperten Wiener Herzen ist.

Standard: Wie lernten Sie ihn kennen? Bronner: Anfang der 50er-Jahre ist er zu mir in die Marietta-Bar gekommen, wo ich Klavier gespielt habe, und hat mich gefragt, ob ich bereit wäre für eine Schnitzler-Adaption, Reigen 51, die Musik zu machen. Wir haben das weit über hundertmal gespielt und sind damit auch auf Tournee gegangen. Das Autoren-Trio waren Kehlmann, Merz und Qualtinger. Ich war der Musikmann und habe die Conférencen geschrieben zwischen den Szenen. Beim nächsten Programm, das wir gemeinsam gemacht haben, das hieß Brettl vorm Kopf, da war ich schon Mitautor. Wir haben zuerst gemeinsam Lieder geschrieben, und da habe ich immer wieder seine Texte ausgebessert, bis er sagte: Dann schreib dir das allein! Zum Schreiben hat er mich inspiriert.

Standard: Mit Helmut Qualtinger hat er den heute legendären Krimi „Kurzer Prozess“ verfilmt. Wie war seine Beziehung zu Qualtinger? Bronner: Sie haben sich von Zeit zu Zeit gegenseitig geohrfeigt, aber es war eine sehr produktive Streiterei. Ich habe auch viel mit ihm gestritten. Was dann herauskam, war meistens erfolgreich.

Standard: Aus der Geschichte auch des österreichischen Fernsehfilms ist Kehlmann nicht wegzudenken. Wie ging er mit den schleichenden Neuorientierungen im ORF um? Bronner: 1987 ist er ja sogar noch Hauptabteilungsleiter fürs Fernsehspiel geworden. Er hat das nach drei Jahren aufgegeben, weil er so viele Hindernisse in den Weg gelegt bekam. Immer haben ihm irgendwelche Bürokraten und dilettantische Dramaturgen im Haus hineingepfuscht. Zum Beispiel erhielt ich von ihm den Auftrag, Joseph Roths Hotel Savoy zu dramatisieren. Als er weggegangen ist, bevor das realisiert werden konnte, hat die Dramaturgie behauptet, es sei ein Scheißbuch. Tatsache ist, dass es wohl eine der besten Sachen war, die ich je geschrieben habe. Na gut, dafür gefällt ihnen jetzt der Bulle von Tölz oder so was.

Michael Kehlmann starb am 1. 12. 2005. Der Kabarettist Gerhard Bronner war einer seiner wichtigsten Weggefährten. Interview: Claus Philipp

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