Matthäus: "Da gibt es keine Ausreden"

16. Oktober 2006, 10:48
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Der Mann unter Trap hat festgestellt, "dass in Salzburg die Bäume nicht in den Himmel wachsen" - ein STANDARD-Interview

Der Assistent von Giovanni Trapattoni sprach mit Christian Hackl über die Krise bei den Bullen, den ÖFB und auch über den "verwöhnten" Fußballer Andreas Ivanschitz.

Standard: 1:2 gegen Sturm, 0:2 gegen die Blackburn Rovers und ein äußerst glückliches 1:1 gegen Schlusslicht Ried. Red Bull Salzburg hat eine nicht gerade ruhmreiche Woche hinter sich gebracht. Weshalb klaffen Anspruch und Wirklichkeit momentan so weit auseinander?

Matthäus: Die Ergebnisse sind sehr enttäuschend. Noch schlimmer ist aber das Auftreten der Mannschaft gewesen. Da gibt es keine Ausreden, da war kein Schiedsrichter schuld, wir haben nicht einmal Pech gehabt. Die Resultate waren verdient, mit Ausnahme von Ried. Die hätten uns schlagen müssen. Insofern hatten wir sogar Glück.

Standard: Worin liegen also die Ursachen?

Matthäus: Wir haben es verabsäumt, den Spielern die Augen zu öffnen. Am Anfang ist es zu einfach gelaufen. Gegen Pasching und Rapid schafften wir in der Nachspielzeit den Ausgleich. Sie haben sich blenden lassen. Trapattoni und ich dachten, sie kommen von selbst drauf. Das war ein Irrtum. Ein Vorsprung kann schnell weg sein. So leichtfertig darf man nicht agieren.

Standard: Steht das ganz Projekt auf der Kippe, vom internationalen Fußball hat man sich ja bereits verabschiedet?

Matthäus: Nein, wir müssen nur die Kurve kriegen. Die Länderspielpause tut sicher gut. Wir befinden uns in einer heiklen Situation. Man muss damit leben, dass in Salzburg die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Eine englische oder spanische Liga hat eben eine ganz andere Qualität als die österreichische.

Standard: Bei allem Respekt. Dabei handelt es sich aber um keine neue Erkenntnis.

Matthäus: Stimmt. Aber man kann nicht die Austria loben und uns verdammen. Wenn man gegen Legia Warschau knapp aufsteigt, ist das schön, aber kein Gradmesser. Blackburn oder Valencia sind weit besser als Legia, wir hatten im UEFA-Cup kein Losglück. Die Bayern verlieren auch nach der Champions League in der Meisterschaft gegen Wolfsburg. Die Doppelbelastung ist überall ein Problem. Aber dass man gegen Ried müde ist, das darf einfach nicht sein.

Standard: Ziehen Trapattoni und Sie an einem Strang?

Matthäus: Die Journalisten hätten gerne, wenn das nicht der Fall wäre. Er ist der Chef, darüber bestehen keine Zweifel. Aber natürlich sind wir manchmal verschiedener Meinung, das ist normal und menschlich. In einer Partnerschaft gibt es Auffassungsunterschiede. Und man kommt trotzdem gut miteinander aus.

Standard: War die Einkaufspolitik verfehlt? Teamkapitän Andreas Ivanschitz hat man an Panathinaikos Athen abgegeben, er wurde dort zum Führungsspieler, schießt Tore.

Matthäus: Das ist schön für den Andi. Außerdem wurde er nur verliehen. Ivanschitz musste raus aus diesem Land, wo man ihm immer nur den Arsch nachgetragen hat. Auch schon bei Rapid. In Griechenland muss er lernen, sich zu wehren, sich durchzusetzen. Dort ist er nicht der liebe, verwöhnte Schwiegersohn. Es wäre toll, sollte es klappen.

Standard: Gewinnt Österreich am Freitag das Länderspiel gegen Liechtenstein?

Matthäus: Ich bin überzeugt, dass Österreich nicht gewinnt. Ich kann die Entscheidungen des ÖFB nicht nachvollziehen. Weshalb man sich Spiele gegen Costa Rica oder Venezuela ausmacht, bei denen man nur verlieren kann, ist mir ein Rätsel. Der österreichische Fußball steht sich selbst im Weg. Man muss die Aufgaben erhöhen, sich an der Spitze orientieren. Das gilt auch für Red Bull Salzburg. (DER STANDARD Printausgabe 3. Oktober 2006)

ZUR PERSON: Lothar Matthäus (45), Deutschlands Rekordteamspieler (150 Einsätze, Weltmeister 1990), ist seit dieser Saison Assistent von Trainer Giovanni Trapattoni bei Red Bull Salzburg. Vor fünf Jahren betreute er Rapid.
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    "Die Ergebnisse sind sehr enttäuschend"

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