ÖGB-Aktionstag: Chaos blieb aus

28. Juni 2000, 20:40

ÖGB-Frauen warfen aus Protest gegen zu wenige Kinderbetreuungsplätze Spielsachen in einen Container

Wien - Die Gewerkschaft hat am Mittwoch zum Aktionstag gegen die Sparpläne der Regierung aufgerufen. Die Bevölkerung nahm die Behinderungen bei der Eisenbahn und auf den Strassen gelassen auf, der öffentliche Verkehr ist nicht zusammengebrochen. Bruchstellen könnten sich aber sehr wohl innerhalb des ÖGB auftun, wenn es bei der Pensionsreform nur für bestimmte Personengruppen Zugeständnisse geben sollte. ÖGB-Präsident Fritz Verzetnitsch tritt solchen Vermutungen entgegen: Man lasse sich nicht auseinander dividieren.

Kurzfristig hatte es am Mittwoch so ausgesehen, als hätte der EisenbahnerInnen-Streik die erhofften Früchte getragen. Die Regierung hat aber postwendend jedes Entgegenkommen abgelehnt. Für die BeamtInnen gehen die Gespräche noch weiter.

Eines hat der Aktionstag für Verzetnitsch schon erreicht: Die Regierung sei - zumindest im Öffentlichen Dienst - bereit, über die Kernpunkte der Pensionsreform zu sprechen. Der Gewerkschaftspräsident sieht auch im ASVG-Bereich Fortschritte, "zur Zeit ist Bewegung im Gang", meinte er.

Viele Einzelgewerkschaften haben am Mittwoch mit mehr oder weniger originellen Ideen auf befürchteten Sozialabbau und aus ihrer Sicht drohende Verschlechterungen vor allem für sozial schwache Gruppen aufmerksam gemacht. Am spektakulärsten waren die Aktionen der EisenbahnerInnen und der Verkehrsbediensteten. Von 11.00 bis 12.00 blieben österreichweit etwa 250 Züge in den Bahnhöfen, betroffen waren 10.000 Reisende. ÖBB-General Helmut Draxler schätzte die Kosten auf einen "höheren zweistelligen Millionenbetrag".

"Angekündigte Katastrophen bleiben meist aus"

Die Öffentlichen Verkehrsmittel nahmen in Wien erst um 7.00 Uhr ihren Betrieb auf. Die Wiener nahmen die Behinderungen insgesamt gelassen hin, die Berufstätigen reagierten flexibel. Viele Radfahrer waren - mehr oder weniger geübt - unterwegs, bei den Taxis war der Zuspruch normal. "Angekündigte Katastrophen bleiben meist aus", meinte man bei den AutofahrerInnenorganisationen.

Die meisten TeilnehmerInnen, nämlich 4.000, verzeichneten erwartungsgemäß die Dienststellenversammlungen der Wiener Linien am frühen Morgen. Großen Zulauf gab es auch hinter dem Wiener Rathaus, wo etwa 2.500 Gemeindebedienstete der Regierung zeigen wollten, "dass sie mit uns nicht machen kann, was sie will". Die ÖGB-Frauen warfen aus Protest gegen zu wenige Kinderbetreuungsplätze Spielsachen in einen Container.

Die Politik war mit Reaktionen sehr zurückhaltend SPÖ-Vorsitzender Alfred Gusenbauer zeigte Verständnis für die ÖGB-Aktionen und kritisierte eine drohende "Belastungslawine". ÖVP-Generalsekretärin Maria Rauch-Kallat meinte, es sei nicht um Solidarität mit der Masse der Arbeitnehmer gegangen, sondern um die Verteidigung von Pfründen. Die Grünen unterstützten den Aktionstag.

In den Bundesländern gab es hauptsächlich Betriebsversammlungen. In Tirol demonstrierte der ÖGB mit einer "Regierungswalze", die über Pappfiguren rollte, in Kärnten wurde ein flächendeckender Schienenersatzverkehr eingerichtet. (APA)

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