Der Bau einer Bibliothek von morgen

12. Oktober 2006, 19:56
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Johanna Rachinger, Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek, über den rasanten Umbau der Bibliothek

Standard: Frau Rachinger, wir sitzen hier in der Leselounge der Nationalbibliothek. Vor einigen Jahren standen an diesem Ort die Zettelkataloge.

Rachinger: Die Kataloge sind mittlerweile zur Gänze digitalisiert. Die Katalog-Recherche und die Bestellung der gesamten Bestände der Nationalbibliothek funktioniert per Computer. Die Bücher kann jeder Leser von seiner Wohnung aus bestellen - zwei Stunden später liegen sie hier für ihn bereit.

Standard: Auf diese Weise wurde Platz gewonnen.

Rachinger: Zum Beispiel für die Leselounge. Schließlich sind Bibliotheken auch Orte des Verweilens. Vor allem junge Leser sollten zum Lernen eine gute, angenehme und ästhetisch ansprechende Atmosphäre vorfinden. Eine Umgebung, in der sie sich wohl fühlen. Die roten Lesesofas, in denen wir hier sitzen, sind übrigens von Wittmann. Ich bin der Auffassung, gerade an Orten, die für die Öffentlichkeit gedacht sind, sollten exklusives Design und ausgesuchte Materialien, angewandte Kunst, zur Verfügung stehen.

Standard: Was die Leser offenbar zu schätzen wissen.

Rachinger: Ja. Obwohl die Recherche heute überwiegend von Zuhause aus geschieht - die Zugriffszahlen auf unsere Homepage sind in den letzten Jahren um 100 Prozent von 20 auf 40 Millionen angewachsen -, steigen dennoch die Leserzahlen hier im Haus kontinuierlich.

Standard: Neben den Katalogen findet man auf Ihrer Homepage zahlreiche weitere Digitalisierungsprojekte ...

Rachinger: ANNO, "Austrian Newspapers Online", in dem wir historische österreichische Zeitungen und Zeitschriften Seite für Seite online stellen, ist ein erstaunlicher Erfolg: 14 Millionen Zugriffe jährlich.

Momentan arbeiten wir an einem weiteren historischen Projekt: ALEX. Wir speisen nach und nach die Gesetzestexte Österreichs der Jahre 1850-1918 ins Netz, auch jene der Kronländer. Historiker aus aller Welt können auf diese Materialien direkt zugreifen. Das ist ein wichtiger Beitrag zur Identitätsfindung der betroffenen Länder. Die Demokratisierung des Wissens durch das Internet ist auf diese Weise weit mehr als nur ein Schlagwort.

Standard: Stichwort Langzeitarchivierung: Im 21. Jahrhundert archiviert die Bibliothek neben Büchern auch weniger haltbare Datensätze: CDs, audiovisuelle Medien, Tonbänder ...

Rachinger: Die Frage der Langzeitarchivierung der Daten aus diesen selbst kurzlebigen Medien beschäftigt weltweit Bibliotheken. Derzeit gibt es ein EU-Projekt BRIX zur Langzeit-Archivierung, an dem auch die ÖNB beteiligt ist. Die Speicherkosten sind heute noch enorm. Die ÖNB hat eigens eine Software für die Langzeit-Archivierung angeschafft, Digitool, die heute sehr gefragt ist. Darauf sind wir sehr stolz.

Standard: Werden neben den Zeitungen und dem Bildarchiv auch die Buchbestände der ÖNB ins Netz gestellt?

Rachinger: Ins Netz gestellt werden die wertvollen Inkunabeln, um die Originale zu schonen. Außerdem ist die Europäische Kommission sehr interessiert am Aufbau einer European Digital Library als Gegengewicht zu Google. Es wurde eine Content-Arbeitsgruppe eingerichtet, die darüber berät, welche Inhalte man in diese Digital Library einspeisen will. Beispielsweise Bücher aus den Jahren 1900-1950. Ein Mitarbeiter unseres Hauses ist federführend an dieser Content-Arbeitsgruppe beteiligt.

Das Wichtige bei einem solchen Projekt ist es, eine so genannte "kritische Masse" zu erreichen. Also eine so große Menge von Büchern, dass der User damit rechnen kann, das Gesuchte auch tatsächlich zu finden. Dann erst wird die European Digital Library für ihn wirklich interessant.

Standard: Die Bestände der Nationalbibliothek wachsen. Bald, so ist zu hören, sind auch die neuen Tiefspeicher gefüllt.

Rachinger: Bereits 2010, in vier Jahren, werden die jetzigen Speicher voll sein. Daher müssen wir so bald als möglich mit dem Bau eines neuen Tiefspeichers beginnen. Unser Wunsch ist es, diesen unter dem Heldenplatz einzurichten. Nicht nur wegen der direkten Anbindung an das Haus.

Auch aus politischen Gründen: Der Heldenplatz ist heute - durch seine Rolle während der Jahre des Nationalsozialismus - auch ein Ort der Schande. Ein unterirdischer Wissensspeicher könnte dazu beitragen, dieses Symbol der Geschichte in einen Ort der Bücher zu verwandeln. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.10.2006)

Mit Johanna Rachinger sprach Cornelia Niedermeier.
  • Bibliothek - Ort des Verweilens: Johanna Rachinger in der Leselounge der ÖNB.
    foto: standard/newald

    Bibliothek - Ort des Verweilens: Johanna Rachinger in der Leselounge der ÖNB.

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