Bibliothek am Bildschirm

12. Oktober 2006, 19:56
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Mit Blick auf die Zukunft macht die Österreichische Nationalbibliothek Teile ihrer Bestände verfügbar

Der Leser befindet sich auf dem Weg in die Bibliothek. Er ist in Hausschuhen, macht sich noch einen Kaffee und versorgt die Pflanzen mit Wasser, ehe er sich an seinen Schreibtisch begibt, um die Recherche zum Thema "Österreich-Bilder im Wandel der Zeit" zu starten. Als Quelle dienen ihm ausschließlich Informationen, die er auf seinem Laptop übers Internet aus der 24 Stunden täglich geöffneten digitalen Nationalbibliothek abrufen kann.

WWW-Datenbanken

Vor einigen Jahren hätten viele dieses Szenario noch als futuristisch empfunden, manche vielleicht auch als Provokation oder Bedrohung. Dass die Zettelkataloge zur Recherche längst aus den Bibliothekssälen verschwunden und alle Bestände in WWW-Datenbanken erfasst sind, daran hat man sich gewöhnt. Gleichzeitig aber kennen wir die Bibliothek seit jeher als einen festen Ort, an dem das Wissen in der materiellen Form von Büchern, Zeitschriften und anderen Dokumenten auf ewige Zeiten aufbewahrt wird.

Rechtslage

So durfte man meinen, dass sich in naher Zukunft vielleicht ein paar neumodische Webdokumente in digitalen Bibliotheken abrufen ließen. Alte und kostbare Dokumente aber würden nie und nimmer den Weg in den Computer finden. Inzwischen sind freilich Bibliotheken in aller Welt längst dabei, ihre kostbaren Schätze zu digitalisieren und sie dem Benutzer über ihre Internetseiten anzubieten.

Auch die NB widmet sich seit einigen Jahren dem Projekt der Digitalisierung ihrer Bestände. Da die Rechtslage nach wie vor derart beschaffen ist, dass erst siebzig Jahre nach dem Tod des Urhebers die Rechte an einem Werk frei werden, schließt die Digitalisierung momentan Dokumente bis 1936 ein. Neuere Quellen wird man auf den Webseiten der NB vergeblich in digitaler Form suchen. Um aktuelle Forschungsliteratur zu bekommen, ist der Besuch des Hauses am Josefsplatz immer noch unabdingbar. Wer jedoch auf der Suche nach älteren Dokumenten aus Österreich ist, wird im Internet fündig.

Bildarchiv

Das Vorzeigeprojekt des digitalen Asts der NB ist das Bildarchiv Austria. Seine Bestände umfassen mehr als eineinhalb Millionen Bildobjekte mit den Schwerpunkten historische Porträts, Architektur, Topografie Österreichs und seiner Geschichte. Das Bildarchiv basiert ursprünglich auf der umfangreichen Porträtsammlung von Kaiser Franz I. (1768-1835), der 1828 zudem das "Kunstkabinett" des Schweizer Physiognomen Johann Caspar Lavater erwarb.

1921 gingen die Porträts sowie die als Fideikommissbibliothek bekannte Sammlung mit Handschriften, Inkunabeln, Büchern sowie Kunstobjekten an die NB. Das Bildarchiv entstand später aus der Zusammenlegung verschiedener öffentlicher und privater Photonegativ-Sammlungen. Heute umfasst es auch zahlreiche Nachlässe wie jenen der Sportfotografen-Legende Lothar Rübelt sowie nicht zuletzt die fotografischen Bestände des ORF mit vielen Reportagefotos.

bildarchivaustria.at

Lange Zeit schlummerten die Bildbestände in der NB vor sich hin, bis die Idee geboren wurde, sie digital zu erfassen und in einem zweiten Schritt auch für den Nutzer der NB-Webseiten aufzubereiten. Diese Arbeiten sind inzwischen abgeschlossen und gut 50.000 Österreich-Bildquellen unter bildarchivaustria.at in einem digitalen Katalog ausgewiesen. Der Katalog verfügt über einen Index samt Bildvorschau sowie über eine - kostenpflichtige - Bildbestellung in hoher Auflösung.

Ein weiteres Herzstück der Bestandsdigitalisierung stellt ANNO (Austrian Newspapers Online) dar, ein im Aufbau befindliches, in den schon verzeichneten Jahrgängen jetzt bereits frei abrufbares Archiv österreichischer Zeitungen und Zeitschriften ab 1700. Der Fokus liegt bei dieser Massendigitalisierung neben der Verfügbarmachung historischer Quellen darauf, die vom Material her heiklen Zeitungen digital zu konservieren und somit die Bestände zu sichern. Papierfreaks müssen jedoch keine Angst haben: Die Zeitungsoriginale werden restauriert und aufgehoben.

An einer Textsuche nach Themen in den ANNO-Zeitungen wird noch gearbeitet, bis auf Weiteres eignet sich das System zur gezielten Datumsuche. Möchte man also wissen, was am 21. April 1888 in der Presse behandelt wurde, wählt man das entsprechende Datum und erhält hochwertige Scans sämtlicher in der NB für diesen Tag verzeichneter Printmedien - im konkreten Fall die Wiener Zeitung, die Wiener Landwirthschaftliche Zeitung, Das Vaterland und die Innsbrucker Nachrichten.

Ebenfalls im stets geöffneten virtuellen Lesesaal der NB findet der Benutzer den ALEX mit historischen Rechtstexten, eine Musikalien-Bibliografie, Erstausgaben österreichischer Autorinnen und Autoren, Flugblätter aus dem Revolutionsjahr 1848 und Dokumente zur Frauenbewegung. Derzeit wird darüber hinaus ein Großprojekt zur Digitalisierung von Papyri unterhalten. Und nachdem die NB über eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen von Inkunabeln und Bibeln aus der Zeit bis 1500 verfügt, soll auch dieses Glanzstück der Sammlung digitalisiert werden.

Die Zugriffe auf die digitale Bibliothek steigen beständig. Gleichzeitig entdecken immer mehr Benutzer, dass sie auf den Seiten der NB nicht nur nach Dokumenten suchen, sondern urheberrechtsfreie Dokumente gleich am Schirm abrufen können.

Die digitale Wirklichkeit hat in der Bibliothek Einzug gehalten, von der um sich greifenden Hektik hat man sich hier jedoch nicht anstecken lassen. Sammeln, bewahren, erschließen, vermitteln - so lauten auch in digitalen Zeiten die Aufgaben des geduldigen Wissensspeichers. (Sebastian Fasthuber/DER STANDARD, Printausgabe, 3.10.2006)

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