Chinas Poker um die geraubten Kinder

5. Oktober 2006, 10:36
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Kinderraub ist in China zum einträglichen kriminellen Geschäft geworden - Ein Privat­detektiv sucht mit Spielkarten nach den Opfern

Wien - Dai Tezhu sieht auf dem Foto fröhlich aus. So einen Sohn mit „wachen Augen, hoher Stirn und rundem Gesicht“ wünschen sich alle chinesischen Eltern. Das wurde dem Jungen zum Verhängnis.

Nur einen Moment passte die Großmutter in Huaihua in der Bauernprovinz Hunan nicht auf. Irgend jemand – später wollte ein Nachbar eine Frau gesehen haben – nahm den knapp Fünfjährigen an diesem 23. März 2004 an der Hand. Der Bahnhof mit dem üblichen Chaos wartender Wanderarbeiter, brüllenden Verkäufern und blechernen Lautsprecherdurchsagen war 100 Meter entfernt . Ein weinendes 1,10 Meter großes, mitgezerrtes Kind fällt dort nicht weiter auf.

Das Gesicht Dais ist auf einer Spielkarte aufgedruckt. Es ist ein rotes Karo As. So einen Trumpf spielt jeder gerne aus. Und schaut sich die Karte an. Darauf hoffen die Eltern des Kindes.

10.000 "Spiele"

Der auf Kinderraub spezialisierte Detektiv Shen Hao hat das makabre Kartenset mit den Fotos von entführten Kindern aus 25 Familien entworfen. Im März traf er sich mit betroffenen Eltern, stellte ihnen seine Idee vor. Er wählte 21 Jungen und sechs Mädchen aus 16 Provinzen Chinas aus. Das jüngste Kind war zwei Jahre. 10.000 Spiele hat Shen Hao in Zügen, an Bahnstationen, bei Polizeistellen in den Provinzen an die spielfreudigen Chinesen verteilen lassen.

Kinderraub fällt unter neue Verbrechen. Buben bis sieben Jahre werden auf offener Straße geraubt, um tausende Kilometer weiter an Bauernfamilien ohne Söhne verkauft zu werden. Seit 1978 mit dem Beginn der Wirtschaftsreformen, der Einkindfamilie und der Mobilität von jährlich 140 Millionen Bauern, die auf Arbeitssuche in die Städte kommen, nehmen die Fälle zu. 70 Prozent der Täter, die oft lokalen Banden angehören, sind Frauen.

„Es gibt keine offiziellen Zahlen, wie viele Kinder jährlich verschwinden“, sagt Shen Hao. Der 37-jährige Nankinger hat sich in den vergangenen fünf Jahren um 5000 Fälle gekümmert: „300 Kinder haben wir wiedergefunden.“ Nach Angaben der Rechtszeitung (Fazhi Ribao) deckte die Polizei zwischen 2001 bis 2004 insgesamt 24.809 Verschleppungen auf. Der kleine Dai wuchs in einer wohlhabenden Familie auf. An dem Tag, als er verschwand, waren seine Eltern geschäftlich unterwegs. Ihr Vermögen – 40.000 Euro – hat die Familie bisher für die Suche aufgebracht, schrieb Kantons Zeitung Nandu Zhoukan“. Vergeblich.

Als neue Familienmitglieder verkauft

Die Entführer wollen kein Lösegeld. Sie verkaufen die Kleinkinder auch nicht als Arbeitskräfte oder in die Prostitution, sondern in den meisten Fällen als neue Familienmitglieder oder Ehefrauen an Bauernfamilien. Buben als männliche Nachfolger der Familientradition sind den Bauernfamilien besonders viel wert. Für einen kleinen Buben, so meldete der Online-Dienst des Parteiorgans Volkszeitung, werden auf dem Land bis zu rund 1800 Euro gezahlt. Das ist das Fünffache des jährlichen Durchschnittseinkommens eines chinesischen Bauern.

Die Polizei fahndet erst dann landesweit, wenn die Eltern konkret angeben können, „wann, wo, wie und durch wen“ ihr Kind verschleppt wurde. Chinas 52.000 Polizeistationen sind besonders auf dem Lande unterbesetzt, mit nur einem oder zwei Polizisten. Auf Kinder- und Frauenraub steht die Todesstrafe. Sie schreckt nicht ab. Hohe Profite und geringes Risiko lassen das Geschäft boomen, das die erschreckenden Unterschiede des Lebensstandards und der Wertvorstellungen zwischen Chinas reichen Zentren und seinem Bauernland deutlich aufzeigt.

Wenig Erfolge

Im vergangenen April gelang der Polizei in einem besonders krassen Fall eine Gruppe von Kleinkindern ihren verzweifelten Eltern zurückzubringen. Das von den USA im Irak aufgelegte Saddam-Kartenspiel hat den Privatdetektiv Shen Hao auf die Idee gebracht. Knapp 20 Tage, nachdem er die Karten mit seiner Kontaktnummer in einem halben Dutzend Provinzen in Umlauf brachte, sind zwei der gesuchten Kinder offenbar entdeckt worden. Der inzwischen sieben Jahre alte Dai Tezhu ist allerdings nicht dabei. (Johnny Erling, DER STANDARD Printausgabe, 03.10.2006)

  • Dai Tezhu ist der Bub am Karo As: Vielleicht fällt sein Gesicht einem Kartenspieler auf, hoffen die Eltern – das Kind ist seit mehr als zweieinhalb Jahren verschwunden
    foto: erling

    Dai Tezhu ist der Bub am Karo As: Vielleicht fällt sein Gesicht einem Kartenspieler auf, hoffen die Eltern – das Kind ist seit mehr als zweieinhalb Jahren verschwunden

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