Satanische Worte

10. Oktober 2006, 19:26
18 Postings

Rushdie-Schicksal eines Lehrers

Robert Redeker ist nicht so bekannt wie Salman Rushdie - aber untertauchen muss er ebenfalls. Und zwar aus dem gleichen Grund: Der 52-jährige Mittelschullehrer für Philosophie ist seines Lebens nicht mehr sicher, seitdem er in der Pariser Zeitung Le Figaro einen Meinungsbeitrag über den Islam veröffentlicht hat.

Darin geht es um die muslimische Reaktion auf die umstrittenen Äußerungen von Papst Benedikt XVI., und laut Redeker handelt es sich dabei um nichts anderes als "islamistische Einschüchterungsversuche". Der Lehrer aus Toulouse, den Pariser Intellektuelle - und nur sie - als Mitherausgeber von Sartres Les Temps Modernes kennen, zieht in seinem Text vom 19. September gegen die zwei islamischen Hauptinstitutionen vom Leder: Der Koran, resümiert er, verherrliche die Gewalt, und Mohammed sei ein "gnadenloser Kriegschef, Plünderer, Juden-Massakrierer und Polygamist" gewesen.

Morddrohungen

Darauf konnten Reaktionen nicht ausbleiben. In Ägypten wurde der Artikel verboten, und Tunesien unterband das Erscheinen der Figaro-Ausgabe. In Frankreich selbst erhielt Redeker nach eigenen Angaben Morddrohungen; begleitet von Wegbeschreibungen zu seinem Haus und seiner Schule in Toulouse. Auf islamistischen Internetseiten sei sogar sein Foto wie ein Steckbrief ausgeschrieben worden, sagte Redeker in einem Interview an unbekanntem Ort.

Als der Fall langsam Mitte vergangener Woche ins öffentliche Bewusstsein geriet, verhielten sich die Behörden noch zurückhaltend. Bildungsminister Gilles de Robien stellte sich zwar vor Redeker, mahnte aber gleichzeitig zur Mäßigung. Die französischen Medien, allen voran der konservative Figaro, verteidigen aber vehement die freie Meinungsäußerung. Die linke Libération fügte an, von diesem Prinzip dürfe es aus politischen Rücksichten keine Ausnahmen geben. Le Monde verurteilte allgemein "eine mittelalterliche Welle der Intoleranz" islamischer Herkunft.

Solidarität

Inzwischen hat auch Premierminister Dominique de Villepin die Morddrohungen als "inakzeptabel" bezeichnet, und de Robien machte am Wochenende publik, dass er mit Redeker persönlich Kontakt aufgenommen habe, um ihm die Solidarität des Bildungsministeriums auszudrücken. Die meisten Politiker und Medien räumen zwar ein, dass Redeker in seiner Tirade zu wenig zwischen Islam und Islamismus unterscheide.

Der Rektor der Moschee von Lyon, Kamel Kabtane, zahlte es Redeker jedenfalls heim: Auch wenn er betonte, dass die Urheber der Morddrohungen zu verfolgen seien, bezeichnete er die Anwürfe des Philosophielehrers als "provozierend, grob und albern". (Stefan Brändle aus Paris/DER STANDARD, Printausgabe, 3.10.2006)

Share if you care.