Fluchten

5. Oktober 2006, 07:00
posten

Vier ungarische Autorinnen berichten in ihren Büchern über die Flucht im Jahr 1956 und die Zeit des Exils

Zsuzsa Vathy, geboren 1940, lässt in der Novelle "Hier schaut man in die Kunst hinein" (aus "Wir blicken auf das Schöne") die 55-jährige Frühinvalidin Erzébet Osztos erzählen, wie sie 1956 als junge Frau in den Aufstand gerät, wie sie – eher zufällig – das Land verlässt, nach einem Amnestieversprechen sofort wieder zurückkehrt und die Jahre danach als Konterrevolutionärin im Gefängnis verbringt.

"Nichts ist wie oder: Rosa kehrt nicht zurück"

Zsuzsanna Gahse, geboren 1946, thematisiert in ihren mehrfach ausgezeichneten Büchern das Leben in und zwischen zwei Sprachen. "In den 25 Jahren, die ich in der BRD gelebt habe, habe ich mich als deutsche Autorin gefühlt. Als 1989 die Wiedervereinigung kam, nannte man mich plötzlich wieder eine ungarische Autorin im deutschen Exil". 1956 floh sie zehnjährig mit ihren Eltern über Wien nach Kassel und landete schließlich in Süddeutschland. Gahse nennt sich selbst Transmigrantin, Durchwandernde. In ihrem Roman "Nichts ist wie oder: Rosa kehrt nicht zurück" durchleuchtet sie die Geschichte eines Mutter-Tochter-Paares nach den Jahren der Flucht von 1956 und des Exils. Eine Reise der Tochter nach Ungarn ist weder eine Suche nach der Herkunft noch ein Urlaub, sondern eine Extremsituation, die besondere Aufmerksamkeit erfordert.

"Die Unbehüteten"

Ágnes Gergely, geboren 1933, verlor den Großteil ihrer Familie im Holocaust. Seit 1988 freischaffende Autorin, veröffentlichte sie Lyrik, Essays und Romane. Sie erhielt die höchsten staatlichen Auszeichnungen für künstlerisches Schaffen, so den größten ungarischen Staatspreis Kossuth-Preis. Ihr Roman "Die Unbehüteten", der zurück in die Welt vor dem Zerfall des Kommunismus führt, beschreibt die Einschränkung der Reisefreiheit in den sozialistischen Ländern, die eine Art virtuellen Tourismus und trotzigen Bildungsstolz erzeugt.

Theoretisch war der/die OstbürgerIn weitgereister und wusste mehr über Venedigs Geschichte als der dort umherstolzierende ignorante Westmensch. Ist es dann überhaupt wünschenswert, nach Venedig zu fahren? Das Liebespaar, durch mehrere Ländergrenzen und den eisernen Vorhang voneinander getrennt, gelangt jedenfalls nie dorthin, träumt aber umso heftiger davon. Die Geschichte dieser unmöglichen Liebe stand in Ungarn in den 90-er Jahren auf den Bestsellerlisten und wurde als sprachlich anspruchsvoll und atmosphärisch dicht charakterisiert.

"Die Analphabetin"

Agota Kristof, die große 1937 in einem ungarischen Dorf geborene, aus Ungarn 1956 geflohene französisch-schweizerische Schriftstellerin, schreibt in ihrem kürzlich erschienenen literarischen Kleinod "Die Analphabetin": Wie wäre mein Leben gewesen, wenn ich mein Land nicht verlassen hätte? Härter, ärmlicher, denke ich, aber auch weniger einsam, weniger zerrissen, vielleicht glücklich. Sie habe bei ihrer Flucht ihr erstes Tagebuch, ihre ersten Gedichte, ihre Brüder und ihre Eltern zurückgelassen, ohne Bescheid zu geben. Vor allem aber habe ich an jenem Tag, an jenem Tag Ende November 1956 endgültig meine Zugehörigkeit zu einem Volk verloren. Angekommen in der Schweiz schreibt Kristof: "Wir erwarteten etwas, als wir hier ankamen. Wir wussten nicht, was wir erwarteten, aber sicher nicht das: diese tristen Arbeitstage, diese stillen Abende, dieses erstarrte Leben, ohne Abwechslung, ohne Überraschung, ohne Hoffnung. (...) In der Fabrik sind alle nett zu uns. Man lächelt uns an, man spricht mit uns, aber wir verstehen nichts. Hier beginnt die Wüste". (Ruth Devime)

Share if you care.