"Starker Preisanstieg" nach der Euro-Einführung in EU-Staaten

20. Oktober 2006, 15:23
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Eurostat-Chef Hervé Carré ist durch die Einberechnung von Prostitution und Schwarzarbeit in das BIP von Griechenland "überrascht" und kündigt Prüfung an

Wien - Der Chef des EU-Statistikamtes Eurostat, Hervé Carré, gibt im Interview mit dem STANDARD zu, dass der Euro sehr wohl in einigen Ländern ein Teuro sei. "Es gibt eine Differenz zwischen Messung und Wahrnehmung. Die öffentliche Wahrnehmung ist offensichtlich so, dass die Preise nach der Euroeinführung plötzlich angestiegen sind." Die Wahrnehmung komme daher, dass die Leute beurteilten, was sie für den täglichen Bedarf kaufen. "Bei solchen Gütern hat es tatsächlich einen starken Preisanstieg gegeben, vor allem auch wegen des Mangels an Wettbewerb", sagt Carré, der an der Veranstaltung Statistische Woche von Statistik Austria am Dienstag in Wien teilnimmt.

Von einem Land zum anderen gebe es aber große Unterschiede, meint der gebürtige Franzose. "In Italien hat es in einigen Fällen einen Preisanstieg um die Hälfte gegeben. In Frankreich gab es einen Anstieg um bis zu 15 Prozent von einem Tag auf den anderen." Wie Peter Hackl, der fachstatistische Generaldirektor der Statistik Austria ergänzt, gebe es in Österreich einen Anstieg um rund 2,3 Prozent. "Das ist vergleichsweise niedrig. In den Niederlanden, Italien, Frankreich war der Anstieg weitaus höher", ordnet Carré die Zahl ein und verweist darauf, dass "die gefühlte Teuerung" vor allem ein Kommunikations- und Wettbewerbsproblem sei. "Wir kaufen halt nicht jeden Tag einen Computer, wo die Preise exakt umgerechnet wurden, sondern Dinge des täglichen Gebrauchs, wo man eine Anhebung stärker merkt."

Athener Überraschung

Ein aktuelles Problem, mit dem Eurostat konfrontiert ist, ist die Revision des Bruttoinlandsprodukts durch Griechenland. "Das revidierte Bruttoinlandsprodukt wird Geld aus illegalen Aktivitäten wie Zigaretten- und Alkoholschmuggel, Prostitution und Geldwäsche einschließen", hatte der Leiter des nationalen Statistikamtes, Manolis Kontopyrakis, vergangenen Mittwoch angekündigt. Das BIP würde sich damit um bis zu 25 Prozent erhöhen. "Das Faktum, dass es eine Revision gab, ist nicht ungewöhnlich. In Österreich ist das vor zwei Jahren geschehen. Aber das Ausmaß der Revision in Griechenland, dass es einen Anstieg um 25 Prozent geben soll, ist schon, sagen wir, überraschend", meint Carré.

Ob das Vorgehen Griechenlands ein Problem für den EU-Vergleich sei? "Wir müssen das überprüfen, das ist klar. Es gab schon einmal eine Überprüfung vor 15 Jahren von den Zahlen Italiens. Damals ging es um 10 Prozent, das ist deutlich weniger als 25 Prozent."

Sei es generell erlaubt, Schwarzarbeit und Prostitution in die volkswirtschaftliche Rechnung einfließen zu lassen? Carré: "Soweit ich weiß, ist vor allem Schwarzarbeit in Zusammenhang mit Tourismus hinzugezählt worden, nicht so sehr Prostitution. Das ist vielleicht von den Medien etwas übertrieben worden, weil es mehr sexy ist. Aber 25 Prozent ist so ein Ausmaß an Ausweitung, es ist wirklich eine Überraschung."

Carré hat aber auch mit anderen Regierungen Probleme, vor allem wenn es um die Zahlen für das Budgetdefizit geht. "Da gibt es häufiger Anrufe", erzählt er schmunzelnd. "Ich glaube, es ist eine natürliche Versuchung. Aber meine Rolle ist, sich das anzuhören, das ist es." Was den EU-Beitritt Rumäniens und Bulgariens betrifft, ist er zuversichtlich: Bereits seit zehn Jahren gebe es technische Unterstützung, sodass zumindest statistisch am 1. Jänner 2007 nichts schief gehen dürfte. (Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.10.2006)

  • Eurostat-Chef nennt Italien, Frankreich, Niederlande als Beispiele.
    foto: standard/heribert corn

    Eurostat-Chef nennt Italien, Frankreich, Niederlande als Beispiele.

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