"Zurzeit korrigieren wir halt"

4. Oktober 2006, 13:47
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Kursverluste an der Wiener Börse - Analysten warnen vor Privatisierungsstopp

Am Tag nach der Nationalratswahl sackte der Leitindex ATX an der Wiener Börse ganz ordentlich ab: Bis am späten Montagnachmittag erleichterten sich die wichtigsten heimischen Aktien um 2,4 Prozent ihres Wertes. Am schlimmsten erwischte es Telekom Austria: minus sieben Prozent.

Doch dies alles mit dem schlechten Abschneiden der ÖVP sowie dem Sieg der SPÖ in Verbindung zu bringen, wäre nicht korrekt: Stürzte doch der Kurs des ATX-Mitglieds Bwin steil ab (wegen eines neuen US-Gesetzes, das Sportwetten im Internet quasi verunmöglicht, verloren die Papiere des Online-Wettanbieters ein Drittel des Werts, siehe S. 31).

Trotzdem hätte das Wahlergebnis Auswirkungen auf die Stimmung der Investoren, einerseits einfach deswegen weil es so überraschend gekommen ist, andererseits weil der SPÖ von Börsianern nach wie vor ein Hang zum Staatsdirigismus in Schlüsselindustrien sowie Kapitalmarktskepsis nachgesagt wird.

Es sei jedenfalls wichtig, dass eine neue Regierung erkenne, dass der Kapitalmarkt für den Motor einer Wirtschaft wichtig ist und "nicht dem Irrglauben verfällt, dass der Kapitalmarkt nur Übernahmen auslöst", kommentiert der Chefanalyst der Erste Bank, Friedrich Mostböck, den Wahlausgang. Die aktuellen Kurseinbußen sieht er jedoch eher gelassen: "Zur Zeit korrigieren wir halt, weil den Wahlausgang so in der Dimension niemand erwartet hat." Auf den Sieg der Sozialdemokraten müsse eine Börse kurzfristig so reagieren. "Aber dass das nachhaltig so bleibt, glaube ich nicht". Es sollte aber weiter privatisiert werden, sagt Mostböck, "weil das die Unternehmen erfolgreich macht, in ihrer Entwicklung stärkt und somit auch Arbeitsplätze sichert. Die größten Privatisierungen sind aber ohnehin schon getan und nicht mehr rückgängig zu machen", sagt Mostböck mit dem Hinweis auf Böhler-Uddeholm und Voestalpine.

Wenn dagegen Peter Brezinschek, Chefanalyst der RZB an die theoretisch noch Mögliche Option Rot-Grün denkt, bekomme er "schon Bauchweh", man würde dann "weitaus stärkere Abschläge" im ATX sehen. "Derzeit versuchen die Anleger, ihre Gewinne ins Trockene zu bringen, um Risiko aus dem Portfolio zu nehmen. Sie warten ab, wie die Situation in einer Woche aussieht."

"Politische Börsen haben kurze Beine und in Österreich sind sie noch viel kürzer", sagt hingegen Alfred Reisenberger, Chefanalyst der CA IB Investmentbank. Die internationalen Broker seien derzeit eben "nervös", sie befürchteten, dass es kurzfristig keine weiteren Privatisierungsschritte geben werde. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.10.2006)

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