Das Spiel vom faulen Lehrer

28. Juni 2000, 18:33

Zu den geplanten Sparmaßnahmen im Bildungsbereich

Schulschluss - das ist seit Jahren zu beobachten - ist für Populisten offensichtlich der ideale Zeitpunkt zur Pflege verlogener Lehrer-Klischees. Zynischerweise blasen sie ihre Slogans ausgerechnet dann ins Volk, wenn die Pädagogen vom Schuljahr nervlich ausgezehrt sind. Wohl kalkulierend, dass sich der Neidkomplex im Wahlvolk leicht reaktivieren lässt, wenn für Lehrer die großen Ferien nahen. Zustimmender Applaus scheint da sicher, wenn man ausgelaugten Paukern quasi zum "Dank" für die Zores mit unseren Kids im abgelaufenen Schuljahr schnell noch ein paar Stereotypen um die Ohren schlägt.

Die Lehrerschaft hat in der Vergangenheit mehrfach erfahren, wie jede sich bietende Gelegenheit geradezu gierig genützt wurde, gängige Vorurteile medial zu verstärken oder die Lehrergewerkschaft ins gesellschaftliche Out zu stellen. Noch heute dürfte vielen Lehrern jene Medienkampagne im Magen liege, die in Schlagzeilen vom "Lehrer-Mobbing" gipfelten. In der Sprache der Kriminologie war da von Lehrern als den "Tätern" die Rede, die nur eines im Sinn haben: die Schüler durch Schimpfen und Prüfen fertig zu machen.

Waren in den letzten Jahren Medien sowie Vertreter der Erziehungswissenschaft und ein Schulratspräsident die Protagonisten der Aufmunitionierung gegen scheinbar unfähige Lehrer, so hat nunmehr die in Bildungsfragen weitgehend unbedarfte FPÖ mit Klubobmann Westenthaler und Vizekanzlerin Riess-Passer das Kommando übernommen. Unterstützt von Ex-Obmann Haider soll "endlich einmal Ordnung" gemacht werden. Einer ganzen Berufsgruppe wird unterstellt, dass sie zu wenig arbeitet und zu viel verdient. Obwohl die Lehrerbesoldung erst kürzlich zum Nachteil der Betroffenen umgekrempelt worden war und das Pensionsalter hinaufgesetzt wird, soll nun auch die Lehrverpflichtung um eine Stunde erhöht, die Ferien gekürzt und bei Überstunden eingespart werden. Einsparungsziel: vier Mrd. Schilling!

In ihrer provokativ abwertenden Art markiert die Anti-Lehrer-Kampagne der FPÖ den vorläufigen Höhepunkt einer Reihe medialer und politischer Tiefschläge gegen die Pädagogen. Kein Wort darüber, welche Zusatzleistungen die Schule von heute vom Lehrer erfordert. Auffallend, wie die Diskussion zum wiederholten Male an der Tatsache vorbeigeleitet wird, dass Lehrer selbst dann oft und sehr lange arbeiten, wenn sie nicht in der Klasse stehen.

Kränkende Abwertung

Angesichts solcher in schöner Regelmäßigkeit medial verabreichter Ohrfeigen, ist es nur zu verständlich, wenn Mutlosigkeit, Verdrossenheit und Wut die derzeit häufigsten Selbstbeschreibungen von Lehrern sind. Was sie verletzt, das ist die permanente Suche nach Fehlern im Schulbetrieb, die überzogene Kritik an Symptomen, ohne geringstes Verständnis für ihre Arbeit. Was sie kränkt, das ist die fortwährende Abwertung ihrer Arbeit in wieder größer werdenden Klassen.

Dabei wäre es höchst an der Zeit, statt einer öffentlichen Lehrerabwertung endlich eine Diskussion darüber zu starten, welch außerordentlich pluralem Erwartungsgefüge die Schule von heute ausgesetzt ist. Denn Schule und Lehrer leiden zunehmend an einem Überforderungssyndrom: Zahlreiche Probleme, die gesellschaftlich unlösbar erscheinen, werden der Schule zugeschoben.

Einerlei, ob es sich um die hohe Zahl von verhaltensschwierigen Problemkindern aufgrund geschwächter Familien handelt, um Drogenproblematik, Aidsgefahr, Fremdenfeindlichkeit, Zunahme von Gewalt und sexuellem Missbrauch, ob um Medienerziehung, politische Bildung, Umwelterziehung, Verkehrserziehung - es gibt fast nichts, was nicht auch der Schule als Zusatzaufgabe unterjubelt wird: Der Lehrer ist schuld, wenn Kinder zu viel fernsehen, sich falsch ernähren, sich nicht mehr konzentrieren können, bettnässen oder gefährliche Banden bilden. Wann immer ein Problem auftritt, wird reflexartig versucht, die Schule bei Ursachenzuschreibung und Problemlösung einzuspannen. Und wenn sich kein Erfolg einstellt, dann nur deswegen, weil die Lehrer falsch agieren.

In der Gesellschaft hat sich ein Mechanismus etabliert, der die Schule, immer mehr in die Rolle eines gigantischen Betriebes zur gesellschaftlichen Altlastenentsorgung drängt. Aus psychologischer Sicht dient die Schule der Erwachsenengesellschaft längst als Projektionsfläche für ihre Gewissensreste. Im kindorientierten Unterricht, immer spielerisch, offen und individualisiert, ohne jeden Druck und Zwang soll Schule die Gewissensbisse der Gesellschaft abbauen. Obwohl rund um die Schule ein gnadenloser Kampf nach den Grundprinzipien der Leistungsgesellschaft tobt, wird vom Lehrer erwartet, dass die Schule ein Betrieb ist, in dem alle uneigennützig, lieb und solidarisch miteinander umgehen. Der Lehrer soll darin nicht nur Wissensvermittler sein, sondern auch Allroundtherapeut, Sozialarbeiter, Elternersatz, Freizeitpädagoge, Animator, Elternberater, kurz: ein multifunktionelles pädagogisches Wunderwesen. "Lehrer Specht" lässt grüßen!

Schule statt Zuhause

Für all dies hat der amerikanische Schulkritiker Paul Goodman eine möglicherweise etwas überspitzte, aber treffende Diagnose. Er bezeichnet die Schule der Gegenwart als "great babysitting". Denn der Lehrplan dieser neuen Form der Grundschule liest sich wie ein sozialpädagogisches Kompendium: Möglichst viel von der zu Hause offenbar nicht mehr geleisteten Erziehung wird in die Schule verlagert, zahlreiche zusätzliche Aufgaben sind schulisches Pflichtprogramm.

Bevor das nächste inszenierte politmediale Gewitter auf die Lehrer niedergeht, sollte man wohl eines festhalten: Natürlich gibt es auch bei Lehrern schwarze Schafe und gute oder weniger gute Schulen. Doch - im Widerspruch zu vielen heimischen Stimmen - bescheinigt die letzte OECD-Studie unseren Lehrern europaweit das höchste Ansehen und dies nicht nur im Fachlichen, sondern auch hinsichtlich menschlicher Qualitäten!

Dr. Heinz Zangerle, Psychologe und Psychotherapeut, ist Lehrbeauftragter an der Pädagogischen Akademie in Innsbruck.

Sozialtherapeut, Familienersatz, Animator: Der Lehrer von heute hat (zu) viele Aufgaben. Nun steht er wieder unter Kritik: Heinz Zangerle ortet das Problem in einer überzogenen Vorstellung der Funktion von Schulen.
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