"Leicht bessere Chancen" für Grüne im Rennen um Platz drei

9. Oktober 2006, 23:08
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SORA-Leiter Christoph Hofinger stellte sich den Fragen der UserInnen - Das Protokoll zur Nachlese

Christoph Hofinger, Geschäftsführer und wissenschaftlicher Leiter des Meinungsforschungsinstitutes SORA, sieht vor Auszählung der Wahlkarten zur Nationalratswahl "leicht bessere Chancen" für die Grünen im noch offenen Rennen um Platz drei. Das BZÖ bleibt für ihn eher im Parlament. Eine rot-grüne Mehrheit durch die Wahlkarten ist für Hofinger "nicht ausgeschlossen, wäre aber eine Überraschung."

Im Folgenden das gesamte Protokoll zur Nachlese:

Moderator: derStandard.at begrüßt Christoph Hofinger von SORA im Chat zur Wahlanalyse. Wir bitten die UserInnen um Fragen.

Christoph Hofinger: Ich begrüße alle UserInnen von derStandard.at sehr herzlich und freue mich auf einen spannenden Chat!

Wednesday: hallo herr hofinger! ich persönlich hab mir ja vor freude und überraschung fast ins hoserl gemacht bei der ersten hochrechnung. wie überraschend kam das ergebnis für die meinungsforscher, bzw. wann zeichnete sich dieser trend zum ersten mal ab?

Christoph Hofinger: Es gab kaum Umfragen ummittelbar vor den Wahlen, bei denen die ÖVP einen abgesicherten Vorsprung hatte. Ganz im Gegensatz zur Woche vor der Wahl 2002. Das es sehr knapp werden würde und beide Großparteien Chancen auf die Nummer 1 hatten, war uns beim Gang ins ORF Studio bewusst.

Rafaela: Waren Sie persönlich gestern überrascht vom Ausgang der Wahlen?

Christoph Hofinger: Persönlich schien mir die Führung der SPÖ die etwas unwahrscheinlichere Variante, aber eben durchaus möglich. Nach dem Eintreffen der ersten Gemeinden gegen Mittag hat sich die Führung der SPÖ aber sehr schnell abgezeichnet.

Mini100: ist es möglich, dass sich nach der auszählung der wahlkarten eine rot-grüne mehrheit - bei einem verbleiben des bzö im parlament - ausgeht?

Christoph Hofinger: Sehr unwahrscheinlich. Das BZÖ bleibt eher im Parlament, auch nach Auszählung der Wahlkarten. Überlicherweise profitiert die SPÖ unterdurchschnittlich, die Grünen überdurchschnittlich von den Wahlkarten. Das heißt eine Rot-Grüne Mehrheit durch die Wahlkarten kann nicht ausgeschlossen werden, wäre aber eine Überraschung.

Heidelbeere: Können die Grünen noch Dritte werden?

Christoph Hofinger: Ja. Das Rennen ist ziemlich offen. die Grünen haben meiner Ansicht nach sogar leicht bessere Chancen als die FPÖ im Endeffekt Dritte zu werden. Das ist aber eine Zitterpartie.

Zakynthos: Ist für Sie der Einzug des BZÖ über die Prozenthürde oder das Direktmandat bereits fix - bzw. wieviele Mandate mehr würden für SPÖ und Grüne bei Nichteinzug möglich sein. Gibt es auch heute schon eine kleine Vorentscheidung?

Christoph Hofinger: Das BZÖ würde nur bei einem desaströsen Wahlkartenergebnis unter die 4 % Hürde fallen. Deswegen haben wir noch gar keine hypothetischen Mandatsaufteilungen für diesen Fall berechnet.

xEurocent: Wieviele Zehntel-Prozentpunkte wird die SPÖ noch an die ÖVP verlieren durch die Wahlkarten? Oder bleiben die 1,5 Prozentpunkte Abstand?

Christoph Hofinger: Der Abstand wird geringer, aber die SPÖ bleibt rund 1 Prozentpunkt vorne.

Micaela Marquee: warum konnte die vp nicht mehr mobilisieren?

Christoph Hofinger: Die ÖVP hat einen widersprüchlichen Wahlkampf geführt - einerseits Schönwetterkampagne, andererseits BAWAG-Skandalisierung. Das hat laut unseren Umfragen bei Gewerkschaftsmitgliedern bei der ÖVP zu mehr Verunsicherung geführt als letztendlich bei den SPÖ Gewerkschaftern. Die ÖVP war bei den Themen in der Defensive, Beispiel Pflege, und hat nicht wirklich vermitteln können, was ihre Vorhaben für die nächste Legislaturperiode sein würden. Die Konzentration auf den Kanzler hat nicht die entscheidende Mobilisierung gebracht und darüber hinaus gab es auch Verluste, zum Beispiel direkt an die Grünen.

kalind: War die Pflegedebatte insofern wahlentscheidend, als dass Schüssel sie verbockt hat?

Christoph Hofinger: Ganz allein wahlentscheidend war sie nicht, aber sie hat die ÖVP eine zeitlang aus dem Konzept gebracht.

marikuchulu: warum hat die övp viele junge wählerInnen?

Christoph Hofinger: In der Stadt hat sie sehr wenige junge WählerInnen. Am Land ist sie vorallem bei jungen Berufstätigen und Familien erfolgreich. Dort ziehen Themen wie Steuererleichterungen oder Sozialtransfer für Familien.

Rafale: Herr Hofinger, wie schätzen Sie die WählerInnen von HPM ein?

Christoph Hofinger: Den WählerInnen von HPM war der Systemprotest wichtig, aber den hat auch die FPÖ kampagnesiert. Die Stimmen für HPM kommen aus allen Richtungen, am meisten von der ÖVP (41 000).

tim tim: rote mehrheit nicht vorhergesehen, bzö-einzu nicht vorhergesehen, starke fpö-zuwächse nicht. warum haben sich die meinungsforscher wieder einmal so vertan? oder haben sie es gewusst und der öffentlichkeit verschwiegen, und wenn ja, welches kalkül st

Christoph Hofinger: Manche Umfragen lagen daneben, aber viele kamen dem Ergebniss durchaus nahe. Von den statistischen Schwankungsbreiten (zwischen 3 % und 5 %) waren die meisten korrekt. Was schwer vorherzusehen ist, sind Bewegungen quasi in letzter Minute. 1/4 der WählerInnen waren diesmal Spätentschlossene. Es wäre allerdings wichtig, dass die Medien bei Umfragen genauere Angaben zu Fragestellung, Durchführungszeitpunkt, Stichprobengröße und mögliche Fehler machen und auch bei der Interpretation der Daten vorsichtiger sind. Wenn aufgrund eines 2-3% Vorsprung in einem Kommentar geschrieben wird "die Wahl ist gelaufen", dann ist das nicht seriös. Außerdem gehört "Meinungsforscher-Bashing" zu den fixen Ritualen nach jeder Wahl.

Heidelbeere: Sind 500 Befragte für eine "Sonntagsfrage" nicht viel zu wenig?

Christoph Hofinger: Je nachdem was ich von der Sonntagsfrage will. Wenn ich wissen will, wie es ungefähr aussieht, ist es genug. Für die Prognose eines knappen Abstandes würde manchmal auch 2000 Befragte nicht ausreichen. In Deutschland wurden am letzten Wahltag ganze 30 000 Personen befragt. Da hat es dann auch bei einem knappen Ergebnis funktioniert.

rapidfans.at: gibt es tatsächlich auswirkungen auf das wahlverhalten durch ''falsche'' vorhersagen? wählen die leute tatsächlich weniger bzö, da dieser keine Rolle mehr im nationalrat gegeben wird und warum werden die grünen immer überschätze?

Christoph Hofinger: Insgesamt ist der Einfluss der Umfragen auf das Wahlverhalten gering, allerdings hat die Forschung manchmal einen "Fallbeil-Effekt" nachgewiesen, wenn Parteien konstant unter einer Prozenthürde liegen. Es ist nicht ganz auszuschließen, dass das BZÖ aufgrund der schwachen Umfragen Mobilisierungsprobleme hatte, aber auch hier gilt: Korrekt interpretiert hat keine Umfrage gesagt, das BZÖ ist sicher draußen. Die Grünen wurden eigentlich kaum überschätzt. Die Prognosen waren diesmal zutreffend. Dass die Grünen vor Beginn des Intensivwahlkampfs meist höher liegen, mag auch daran liegen, dass die anderen Parteien viel mehr Ressourcen haben und am Schluss auch mehr Aufmerksamkeit, wodurch etwa SPÖ und ÖVP oft in der Schlussphase mehr mobilisieren können.

cand.phil.: mit welchen themen könnte es den grünen gelingen, neue zielgruppen (auch bei älteren wählern) zu erschliessen, damit sie nicht immer nur um ein prozent wachsen?

Christoph Hofinger: Das Bildungsthema interessiert breite Kreise der Bevölkerung brennend und die Grünen haben zurecht hier einen Schwerpunkt gesetzt. Generell können die Grünen ihre Wählerbasis noch weiter ausbauen, wenn sie vermitteln können, dass sie in wirtschafts- und sozialpolitischen Fragen mind. genauso gute Konzepte haben wie die Großparteien. Das Dranbleiben an grünen Kernthemen wie Ökologie und Menschenrechten ist deswegen aber nach wie vor sinnvoll, sonst würden die StammwählerInnen verloren gehen.

Rafale: Der Berufsstand der Meinungsforscher ist gestern bei einigen Politikeraussagen nicht gerade gut weggekommen. Halten Sie die Vorwürfe für gerechtfertigt?

Christoph Hofinger: Nur teilweise. Kanzler Schüssel hat völlig zurecht einmal gesagt, an Umfragen soll man zwar riechen, aber nicht davon trinken. Der Ärger von PolitikerInnen entsteht dadurch, dass durch Umfragen manchmal Erwartungshaltungen aufgebaut werden, die dann am Wahltag nicht erfüllt werden. Bei manchen Umfragen, keineswegs bei allen, mangelt es allerdings an Sorgfalt.

pavel -lTc- chekov: In wieweit spielt das Wetter am Wahltag eine entscheidende Rolle für das Wahlergebnis?

Christoph Hofinger: So gut wie keines. Es gibt keine Forschungsarbeit, die hier seriöse Befunde bietet.

paname ***: was weiß man über die motive der nicht-wählerInnen?

Christoph Hofinger: Zuwenig. Die Nicht-WählerInnen sind eine sehr heterogene Gruppe, die aus unterschiedlichen Motiven daheim bleibt. Manche können als Systemverweigerer bezeichnet werden und gehen praktisch nie wählen. Manche sind temporär unzufrieden mit ihrer Partei und bleiben aus Protest einmal zu Hause. Im hohen Alter wird es vielen einfach zu beschwerlich.

Rafale: Halten Sie die offensichtliche Spaltung von BZÖ und FPÖ für dauerhaft?

Christoph Hofinger: Das können nur die Betroffenen entscheiden. Eine Prognose des Verhaltens insbesondere von Jörg Haider ist wesentlich schwieriger als die Vorhersage von Wahlergebnissen.

paname ***: was ist bei der övp schiefgelaufen? wurden sie in den umfragen überschätzt oder gab es andere gründe warum sie unter den erwartungen lagen?

Christoph Hofinger: Einiges habe ich schon gesagt. Was auch fehlte war das rot-grüne Schreckgespenst, weil die Grünen diesmal nicht in diese Falle getappt sind. Die FPÖ und das BZÖ zusammen waren ja stärker als das letzte Mal, was der ÖVP wohl auch noch ganz am Schluss Stimmen gekostet hat. Dem Wahlkampf hat eine wirtschaftspolitische Vision gefehlt.

kalind: Womit hat Ihrer Meinung nach Gusenbauer am meisten überzeugt und Schüssel am meisten enttäuscht?

Christoph Hofinger: Gusenbauer hat den Themenwahlkampf gesucht und dort punkten können. Schüssel selbst war zwar nicht ganz so trittsicher wie sonst (Stichwort Pflege), hat aber sicher nicht im großen Stil enttäuscht. Das Problem ist wohl eher, dass die ÖVP ihm die ganze Bürde der Mobilisierung aufgehalst hat und zu wenig auf eigene Themen gesetzt hat.

aragosta: War die Abwesenheit Schüssels bei TV-Duellen ein ausschlaggebender Faktor? ISt TV das wichtigste Medium für Entscheidungsschwache?

Christoph Hofinger: Es war nicht ganz konsistent, den Wahlkampf so auf Schüssel zuzuspitzen und ihn dann relativ wenig in den TV-Duellen einzusetzen. Aber das dürfte nicht wahlentscheidend gewesen sein. TV ist ein wichtiges Medium für die Entscheidungsfindung, aber nicht nur für Entscheidungsschwache sondern für alle, die sich ein differenziertes Bild machen wollen, bevor sie sich entscheiden.

redakteur: Hat sich Gusenbauers Startklar-Tour gelohnt? Ist das durch Detailgemeindeergebnisse feststellbar?

Christoph Hofinger: Das ist methodisch nicht ganz leicht festzustellen, aber es ist zu vermuten, dass eine starke Präsenz in der "Ground-Battle" Stimmen bringt. Speziell Gusenbauer kann im direkten Kontakt oft stärker punkten als über die mediale Vermittlung. Außerdem stärkt es die Motivation der FunktionärInnen, wenn der Vorsitzende sich vor Ort in die Schlacht wirft.

aragosta: Wie interpretieren Sie die niedrige Wahlbeteiligung?

Christoph Hofinger: Alle Parteien haben zwischen 6 % (Grüne) und 13 % (ÖVP) ihrer WählerInnen von 2002 an die Nicht-WählerInnen verloren. Eine Rolle dürfte das Hick-Hack und die Skandalisierungsversuche gespielt haben. Steigende Wahlbeteiligungen sind nur dann zu erwarten, wenn die WählerInnen das Gefühl bekommen, dass es um substantielle inhaltliche Richtungsentscheidungen über die Zukunft des Landes geht, wie etwa 1995 oder 2002.

kalind: Warum kann man alleine mit hetzenden Parolen gegen Ausländer in Österreich 15% machen?

Christoph Hofinger: Zum einen, weil es in der Bevölkerung - nicht ganz zu unrecht - steigende Ängste bezüglich der sozialen Position und der Erhaltung des Wohlstands gibt. Zum anderen, weil meiner Ansicht nach die Großparteien nicht entschieden genug dagegen ankämpfen, dass MigrantInnen zu Sündenböcken dafür gemacht werden. Immer wieder gibt es Tendenzen, der FPÖ indirekt Recht zu geben. ÖVP und SPÖ versuchen auf dieser Weise der FPÖ den Wind aus den Segeln zu nehmen, aber manchmal erreichen sie dadurch das Gegenteil.

Johannes S.: Wie wahrscheinlich sind Neuwahlen innerhalb der nächsten vier Jahre?

Christoph Hofinger: Keine Ahnung :-).

Mini100: wird sich bezüglich der wahlumfragen, deren genauigkeit, nutzten und verwendung hinsichtlich der nächsten wahl etwas änder (müssen)?

Christoph Hofinger: Das würde mich freuen, die größte Rolle spielen dabei die Medien, wenn sie auf Seriosität pochen und Umfragen nicht als billiges Infotainment sehen.

Moderator: derStandard.at bedankt sich bei Christoph Hofinger und den UserInnen. Schönen Tag noch.

Christoph Hofinger: Es war wie immer sehr spannend auf Ihre Fragen zu antworten und ich bedanke mich recht herzlich bei allen, die dabei waren.

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