Sag mir, wo die Wähler sind...

4. Oktober 2006, 16:12
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Die 1,657.222 Nichtwähler waren die größte Gruppe bei dieser Wahl - das drastische Absinken der Wahlbeteiligung ging vor allem zu Lasten der ÖVP

Was bringt eigentlich Menschen dazu, auf ihr demokratisches Wahlrecht zu verzichten? Das hat sich das Meinungsforschungsinstitut OGM gefragt - und die Frage in einer Wahltagsbrefragung an die Nichtwähler weitergereicht.

Hauptergebnis: Vier von zehn Nichtwählern haben keine Partei und keinen Kandidaten attraktiv genug gefunden, weitere 13 Prozent sagten, dass sie duch ihre Stimmenthaltung Protest ausdrücken wollten. Neun von zehn Nichtwählern des Jahres 2002 haben übrigens auch heuer wieder nicht den Weg zu den Urnen gefunden.

Gesunkene Wahlbeteiligung ging vor allem zu Lasten der ÖVP

Das Phänomen der drastisch gesunkenen Wahlbeteiligung ging vor allem zu Lasten der ÖVP. Sie hatte nach der Wählerstromanalyse des Instituts Sora für den ORF offenbar ein Problem, ihre bisherigen Wähler zu mobilisieren: 215.000 VP-Wähler von 2002 blieben der Abstimmung fern.

Aber auch alle andern Parteien bedienten sich massiv bei der ÖVP: 98.000 Stimmen wanderten im Vergleich zur Wahl 2002 zur FPÖ, 96.000 zu den Grünen, 92.000 zur SPÖ und 58.000 zum BZÖ. Die ÖVP konnte nur 65.000 Stimmen von anderen Parteien oder Nichtwählern gewinnen. So stimmten jeweils ein Drittel der BZÖ- und Hans-Peter-Martin-Wähler vor vier Jahren für die ÖVP. Jeweils ein Fünftel der heutigen Grünen und Blauen Stimmen waren 2002 noch Schwarz. Sechs Prozent der SPÖ-Wähler waren 2002 ÖVP-Wähler.

VP- Stammwähler

Der ÖVP blieben offenbar nur Stammwähler: 96 Prozent der heutigen VP-Stimmen waren auch vor vier Jahren für diese Partei abgegeben worden. OGM fragte auch hier, was sie wohl bewegt hat, die ÖVP zu wählen.

Hauptmotiv war das "Weiter so": 43 Prozent sagten, dass sie die Volkspartei gewählt haben, weil sich Österreich in den vergangenen Jahren gut entwickelt hat. Weitere 28 Prozent haben Traditionsmotive genannt, 13 Prozent den Spitzenkandidaten. Die stabilste Wählerschicht hatte diesmal die SPÖ: 78 Prozent ihrer Wähler von 2002 stimmten wieder für die Partei. 70 Prozent der ÖVP-Wähler blieben bei ihrer Partei wie auch 62 Prozent der Grünen und 47 Prozent der FPÖ-Wähler.

SPÖ verdankt Sieg den Frauen

Übrigens: Dass die SPÖ diesmal vorne liegt, hat sie den Frauen zu verdanken: 38 Prozent der Frauen, aber nur 34 Prozent der Männer wählten nach den OGM-Daten die Sozialdemokraten. Das ist aus der Grafik unten deutlich abzulesen. Überhaupt haben verschiedene Wählergruppen höchst unterschiedlich gewählt. In der Gruppe der Wähler über 50 haben 46 Prozent die SPÖ, aber nur 35 Prozent die ÖVP gewählt. Und: Die Grünen sind bei dieser ältesten Wählergruppe mit zwei Prozent sogar noch hinter Hans-Peter Martin und dem BZÖ (jeweils vier Prozent). Ganz ähnlich ist das Wahlverhalten der Pensionisten gewesen.

Ganz anders bei den Jungwählern. Von denen hat jeder Dritte die ÖVP gewählt, die SPÖ ist in dieser Wählergruppe mit 25 Prozent klar nur auf dem zweiten Platz und die Grünen kommen gleich danach mit 19 Prozent.

Angestelle sind anders

Völlig unterschiedlich ist auch das Wahlverhalten von Angestellten, von denen 35 Prozent die ÖVP gewählt haben und nur 32 Prozent die SPÖ. Bei Arbeitern und öffentlich Bediensteten gibt es dagegen eine Mehrheit von SPÖ-Wählern. Wenig überraschend ist, dass acht von zehn Bauern die ÖVP gewählt haben. Entsprechend ist die ÖVP im ländlichen Raum die meist gewählte Partei - aber eben mit zu wenigen Stimmen für einen Wahlsieg.

In den Städten lag die SPÖ durchwegs vorne: Hier hat die SPÖ nach OGM-ORF-Berechnungen im Schnitt 39 Prozent erreicht, die ÖVP ist mit 24 Prozent klar dahinter und die Grünen haben mit 16 Prozent klar den dritten Platz bei städtischen Wählern.

Bawag kaum ein Thema

Bei der Frage der Wahlmotive zeigt sich, dass nur die BZÖ-Wähler in einem nennenswerten Ausmaß von der Bawag-Affäre beeinflusst wurden - für ÖVP- und SPÖ-Wähler spielte die Frage dagegen kaum eine Rolle.

Bei BZÖ-Wählern spielte die Ausländerpolitik laut OGM nur eine kleine Rolle, bei den FPÖ-Wählern dagegen eine große. Die FPÖ gewann im Saldo (Zuwanderungen abzüglich Abwanderungen) 89.000 Stimmen von der ÖVP und 74.000 Stimmen von der SPÖ. 15.000 ehemalige Grünwähler stimmten diesmal für die FPÖ, 12.000 FPÖ-Wähler wanderten zu den Grünen. In Summe haben 47 Prozent der heutigen FPÖ-Wähler auch 2002 dieser Partei ihre Stimme gegeben. 23 Prozent waren zuletzt SPÖ-Wähler, 20 Prozent ÖVP-Wähler. Hans-Peter Martin wiederum hat vor allem der ÖVP Stimmen genommen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 02.10.2006)

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