Klangwucherungen

10. Oktober 2006, 19:31
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Die Tonkünstler im Wiener Musikverein

Wien - Es gibt auf vielen Stereoanlagen einen kleinen Knopf, der, so er gedrückt wird, zu einem breiteren, satteren und basslastigeren Klangbild führt - es ist die Loudness-Taste.

Komponist Gustav Mahler hatte einst so einen Knopf noch nicht, also komponierte er ihn in Ludwig van Beethovens Neunte Symphonie hin-ein. Die Verwendung von verdoppelten Bläserstimmen sowie die Hinzunahme weiterer Instrumente wie Basstuba, Pikkoloflöte oder einer zweiten Pauke führen gemeinsam mit Oktavierungen und einer viel breiter angelegten Dynamik zu einem ungeheuer mächtigen und dichten Klangbild.

Nicht selten klingt es so, also stülpe sich Mahlers zweite Symphonie über Beethovens Neunte. Dennoch. Es tat gut, in einer Zeit, in der die historische Aufführungspraxis fast schon dogmatische Züge erreicht hat, wieder einmal einen so richtig fetten Beethoven zu hören, hier in der Version der Niederösterreichischen Tonkünstler.

Warum Dirigent Kristjan Järvi allerdings so schnelle Tempi wählte, bleibt ein Rätsel. Besonders im Scherzo drohte ihm sein Klangapparat fast aus den Fugen zu geraten, schienen Holz und Streicher sich gefährlich auseinanderzu-bewegen. Oder im Kopfsatz. Da drohte die Lust an dröhnenden Klangflächen die musikali-sche Struktur zu überdecken.

Gelungen allerdings der Beginn. Nach einer am Anfang noch etwas unsicheren, gegen Ende aber satt in sich ruhenden Interpretation von Arvo Pärts Cantus in memory of Benjamin Britten folgte ohne Pause, also auch ohne Applaus, sofort Mahlers Beethoven - ein hinsichtlich der Klangkonzentration in beiden Werken durchaus logischer Schritt.

Bestand Pärts musikalische Substanz hier aber großteils aus sich langsam verdichtender Luft, so war bei Beethoven klanglicher Stahlbeton zu erleben, aufgelockert lediglich durch den sehr sauberen Slowakischen Philharmonischen Chor. Mahlers Beethovenbearbeitung wurde im Geist des Futurismus gespielt: schnell, laut, mit grellen Farben. Eigentlich auch eine Art historischer Aufführungspraxis. (Robert Spoula / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.10.2006)

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