Israelis aus Libanon abgezogen - fast

4. Oktober 2006, 13:18
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Keine Übergaberegelung für das Dorf Ghajar - Rice begibt sich auf Nahost-Tour

Eineinhalb Monate nach einem durch eine UN-Sicherheitsratsresolution verfügten Waffenstillstand haben in der Nacht auf Sonntag die letzten 200 israelischen Soldaten den Libanon verlassen. Während des fünfwöchigen Krieges, den die Schiitenmiliz Hisbollah durch die Verschleppung von zwei israelischen Soldaten und durch Raketenfeuer auf Nordisrael ausgelöst hatte, hatten die Israelis zeitweilig bis zu 30.000 Mann im Gebiet südlich des Litani-Flusses im Einsatz. Der Kommandant der verstärkten Friedenshüter-Truppe Unifil, der französische Generalmajor Alain Pellegrini, bestätigte, dass der Abzug der Israelis gestern beinahe abgeschlossen war. Nur für die heikle Zone des Dorfes Ghajar, das teils auf libanesischem und teils auf israelischem Boden liegt, gab es zuletzt noch immer keine Übergaberegelung. Israelische Soldaten blieben vorläufig noch im libanesischen Teil des Dorfes, das Problem soll aber "in den nächsten Tagen" gelöst werden.

Ihr erklärtes Ziel - die Heimholung der verschleppten Soldaten und die Entwaffnung der Hisbollah - haben die Israelis nicht erreicht, und den "zweiten Libanonkrieg" haben sie noch lange nicht verdaut. In den Debatten wird der Regierung und der Armeespitze völlige Planlosigkeit bei der Kriegsführung vorgeworfen.

Kontrolle über den Südlibanon

Die augenfälligste politische Folge des Krieges ist, dass nun 15.000 libanesische Regierungssoldaten sowie die erheblich verstärkte und mit einem Eingreifmandat ausgestattete Unifil beauftragt sind, die Kontrolle über den Südlibanon zu übernehmen. Sie sollen garantieren, dass von dort keine Kampfhandlungen mehr ausgehen und dass die Hisbollah keinen Waffennachschub bekommt.

In Israel ist man freilich skeptisch, weil die Blauhelme zwar Patrouillen fahren wollen, aber nicht vorhaben, aktiv nach Waffen der Hisbollah zu suchen. Die Israelis wollen nun genau beobachten, ob es Anzeichen einer Rückkehr oder Wiederaufrüstung der Hisbollah gibt, und insbesondere weiterhin Aufklärungsflüge über dem libanesischen Luftraum vornehmen. In den letzten Tagen haben immer wieder Gruppen von Hisbollah-Anhängern mit gelben Flaggen in die Nähe des Grenzzauns paradiert, Parolen gerufen und Steine geworfen, bewaffnete Milizionäre lassen sich seit dem Waffenstillstand aber nicht mehr im Süden sehen.

US-Außenministerin Condoleezza Rice will diese Woche versuchen, durch einen Nahost-Besuch Gespräche zwischen Israelis und Palästinensern einzuleiten, einen konkreten Plan scheint sie aber nicht mitzubringen. (Ben Segenreich aus Tel Aviv, DER STANDARD, Printausgabe 2. 10. 2006)

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