An der Tanke

6. Oktober 2006, 17:32
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Um mich zum Autowaschen zu motivieren, ließ sich A. was einfallen: Die Tankstelle an der B17

Es war am Sonntag. An der, wie es deutschdeutsch so schön heißt, "Tanke". Da habe ich, als ich versuchte, durch Zuschauen zu lernen wie echte Männer Autostaubsauger handhaben, tatsächlich etwas gelernt: Wie sich das Uffta-Uffta-Uffta tiefergelegter Tuningboliden anhört, wenn man nicht auf der dem Lautsprecher abgewandten Seite steht.

Wir waren Autowaschen. In unserem Haushalt das Ausnahmeprogramm. Drum muss A. sich da einiges einfallen lassen, um mich ihr da nicht bloß einmal im Jahr "viel Spaß mit den Buben" wünschen zu lassen. Die große Autohygiene halte ich für verzichtbar. Vielleicht ja auch, weil ich weiß, dass A. rascher von der Dreckkruste an unserem Wagen genervt ist als ich und noch nie mit einem halbgeputzten Auto zurückgekommen ist.

Erst wählen, dann waschen

Heute aber hat sich A. etwas einfallen lassen: Nach dem Wählen, beschloss sie, sei Autowäsche angesagt – und zwar auf der Triester Straße. Ja genau dort, wo sie sich weigert, zu tanken. Nur um mich zu ärgern: Weil ich immer gebannt auf GTI-Kohorten samt Personal glotze. Weil ich sehnsüchtig Arschgeweihe an Heckscheiben, Mitwattestäbchenzwischendenspeichenstochernde Jungmänner und selig polierende Muskelprotze angaffe und nie zu erwähnen vergesse, dass das einer der wenigen Orte sei, an denen Männer Frauen unter Androhung von Gewalt das Putzen verböten. Die alljährliche Wäsche unseres Wagens, erklärte A., werde genau dort stattfinden.

Natürlich wollte ich mit. Ich habe gebettelt. Und versprochen, zu zahlen. Und zu helfen. Zuletzt stimmte A. zu. Mit der Klausel, dass sie erst vor Ort entscheiden würde, ob ich putzen dürfe: Ein Mann, der sein Auto nicht anfassen dürfe, meinte sie, wäre an dieser Tankstelle schließlich mal etwas Neues. Ich fügte mich.

Hochbetrieb

An der Tanke war Hochbetrieb. Ganz viel GTI-Volk. Erste Liga. A. ergatterte einen Platz in der Mitte der Münzstaubsauger-Parkzeile. Neben uns schrubbten zwei Muskelbären einen Golf, als sollte darin operiert werden. Die Männer trugen Muskelshirts. Und CSI-Gummihandschuhe. Wohl wegen der Chemie: Sie hatten ein ganzes Sortiment an Bürsten, Schwämmen und anderem Pflegezeug dabei, das sie in einem eigenen Werkzeugkoffer neben den Wagen gestellt hatten. Die dazugehörigen Damen standen – mit Respektabstand – herum, waren bauchfrei mit jungen Körpern und jungalten Gesichtern demonstrativ dekorativ, rauchten und hielten die Redbull-Dosen ihrer Meister griffbereit.

Als A. begann, unseren Wagen zu saugen, warfen sie mir einen einzigen, vernichtenden Blick zu: Ich war als Mann gestorben. Und obwohl das angesichts der beiden autokosmetischen Muskelberge eigentlich wurscht bis beruhigend bis hätte sein müssen, zwickte es doch. Irgendwie halt. Weil sogar auch auf der anderen Seite eindeutig ein Mann das Putzkommando überhatte.

Partnerlook

Dort war eine junge Normfamilie am Werk. Zwei Kindersitze standen im Gras. Papa saugte, Mama putzte Scheiben und Armaturen – und die Zwerge hatten Putzlappen und bekamen väterlich-strenge Anweisungen, wie ihre Sitze zu schniegeln seien. Die Kinder folgten. Das hier, sah man, war ernst. Und: Die Familie war uniformiert. Im Partnerlook: Blaue Latzhosen, rote T-Shirts, weiße Kappen. Autoputzen war ganz offensichtlich das große und schöne Sonntagnachmittagsfamiliengemeinschaftsereignis. Ich war mindestens so beeindruckt wie erniedrigt.

Auf der anderen Seite des Platzes wurden die Autos dann gewaschen. Mit Hochdruck und langen Lanzen. Mächtig und kraftvoll spritzten Kaskaden weißer Gischt auf gefügig sich darbietendes Blech, drang in Ritzen, schäumte auf, spülte aus, tropfte satt und zufrieden herab - und ließ feucht und wonnig glänzend in der Sonne blinken, was der den langen, harten Schaft meisterhaft, stark und doch auch zärtlich führenden Männer ganzer Stolz und Besitz ist. Ich war der einzige Mann, der vor der Koje stehen bleiben musste. Zwischen Frauen und Kindern. Nicht einmal den Münzeinwurf ließ A. mich bedienen: Das täte sie nur für mich, höhnte sie. Ich solle die Zeit nutzen - und zuschauen.

Schwul?

Ich schaute – und bekam fast Watschen: Ob ich etwa schwul sei, weil ich so gaffe, fragte mich ein Knabe der an diesem Tag soviel Chrompolitur und Stylinggel verbraucht hatte, wie ich es in meinem ganzen Leben nie schaffen würde. Dann sagte er noch etwas, aber das verstand ich schon nicht mehr: Ich drehte mich (sicherheitshalber) weg. Außerdem begannen da seine offenen Wagentüren und sein Kofferraum wieder zum Uffta-Uffta-Uffta zu vibrieren. Das Geräusch war – aus mehreren Wägen – ein Klangteppich über dem Platz, aber so nah (und ohne Blech dazwischen) war ich dem Uffta-Uffta-Uffta eben noch nie gekommen.

Ich stand direkt vor den Boxen. Etwa eineinhalb Meter entfernt. Und jetzt weiß ich: Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass im Inneren irgendwelche Musik gespielt wird und wir draußen nur stumpfe Bässe mitbekommen: Uffta-Uffta-Uffta ist der Song. Er macht aus den Buben Männer. Echte Männer. Nächsten Sonntag, schnappe ich mir unseren Wagen und fahre ihn waschen. Der Rest kommt dann von alleine.

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