Die Kunst vokaler Fragezeichen

10. Oktober 2006, 19:31
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Zum neuen Album "Half The Perfect World" von Madeleine Peyroux

Fragen, die sie satt habe? Madeleine Peyroux wirkt erstaunt. Nein, solche gebe es an sich nicht. Nicht einmal in Gestalt der Billie-Holiday-Frage? "Es ist nie wirklich zum Problem geworden, über Holiday zu sprechen. Die Antwort ist einfach die, dass der Vergleich für mich schmeichelhaft ist - ich muss aber immer hinzufügen, dass ich noch im Wachsen bin, dass es eine Entwicklung gibt für jeden, der einen Haupteinfluss hat."

Und die Frage, ob sie noch immer als Straßensängerin auftrete, wie sie es als Jugendliche in Europa getan habe? Wird mit links genommen. "Ich tue es, aber nicht zurzeit. Es ist ein Vergnügen, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Natürlich ist es noch immer so hart wie es war. Es spielt keine Rolle, ob man bekannt ist oder nicht."

Peyroux gibt sich auskunftsfreudig anlässlich des in einem Luxus-Hotel in Manhattans 54. Straße, am Südende des Central Park, anberaumten Termins. Und macht dabei beinahe vergessen, dass sie auf die oft gestellte Frage der verblüffenden Nähe ihrer Kunst zu Holiday auch schon unwirsch reagiert hat. Grund für die Gelassenheit ist neben professioneller Reife im Umgang mit Medien wohl auch der aktuelle Gesprächsanlass.

Er hat CD-Format, nennt sich Half The Perfect World - und er ist der Nachfolger des 2004, nach achtjähriger Pause, publizierten Comeback-Albums Careless Love, das sich weltweit in einer Million Exemplaren verkaufte. Eine Dimension, die im Jazz zurzeit nur noch Diana Krall erreicht.

Wer die Scheibe hört, ist geneigt, Peyrouxs Aussage zuzustimmen: Der Einfluss Holidays ist zwar noch immer omnipräsent, wirkt jedoch abstrahiert. Hinter der zartbitteren Herbheit der sprechgesungenen, von den charakteristischen Tonbeugungen geprägten Vokalisen, die Produzent Larry Klein in geschmackvolle Swing-Folk-Retro-Gewänder kleidet, wird in der tastenden Nachdenklichkeit, im über jedem Wort spürbaren Fragezeichen, doch auch starkes Eigenprofil spürbar.

"Es braucht Zeit, bis ich weiß, ob ein Song meine Kriterien erfüllt", äußert sich die 32-Jährige über den Prozess der Wortfindung. "Er muss für sich stehen und gleichzeitig mich repräsentieren. Im Zuge dieser CD habe ich allein drei Monate damit verbracht, eine lange Liste von Songs einzustudieren. Und sie dann oft wieder zu verwerfen."

Für Half The Perfect World haben u. a. Lieder aus der Feder Leonard Cohens, Tom Waits', Joni Mitchells, Fred Neils und Serge Gainsbourgs zahlreiche Song-Perlen aus der jüngeren Pop-Geschichte dieses harte Casting bestanden, was einen Kontrapunkt zu den eher Roots-orientierten Vorgänger-Alben bedeutet.

Besonderes Ohrenmerk verdient dabei Cohens und Anjani Thomas' "Blue Alert", für das Peyroux gleichsam in eine Hosenrolle schlüpfte: "Das Lied spricht tatsächlich eher aus der Perspektive des Mannes, aber eben durch die Stimme einer Frau. Als ich es zum ersten Mal hörte, sang es Anjani Thomas, Leonard Cohens Frau, und in mir war sofort der Gedanke da, diese Perspektive wiederzugeben - die Frau, die sich erkennt in der sexuellen Erfahrung des Mannes. Das Lied spricht natürlich auch von Versuchung, sogar von Verführung. Die Dynamik des Weiblichen und des Männlichen weicht einem komplett anonymen Spiel, wodurch die Charaktere universeller, tiefere Einblicke in ihr Innenleben ermöglicht werden."

Es sind persönliche Gedanken, die Peyroux über ihre Beziehung zu den Songs zu erzählen weiß. Reflexionen, die vorteilhafter Weise stärker als jemals zuvor, auch in der Musik selbst hörbar werden. (Andreas Felber aus New York / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.10.2006)

  • Steht zu ihrer Billie-Holiday-Nähe, glaubt aber an die Existenz einer persönlichen Note - Madeleine Peyroux.
    foto: standard/ newald

    Steht zu ihrer Billie-Holiday-Nähe, glaubt aber an die Existenz einer persönlichen Note - Madeleine Peyroux.

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