Die Eroberung neuer Musikräume

10. Oktober 2006, 19:31
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Uraufführungen beim Festival Klangspuren in Tirol

Schwaz/Wattens - Ein dezenter Stallgeruch liegt noch in der Luft, doch der Betonboden wurde von den kotgetränkten Sägespänen, die ihn ansonsten bedecken, gesäubert. An die übliche Verwendung jenes Orts, der einmal im Jahr seine akustischen Vorzüge zeigen darf, erinnern nur die Metallringe und Transparente: "Tiroler Fleckvieh - leistungsstark und vielseitig" steht da etwa zu lesen, und man ist versucht zu ergänzen, dass die Klangspuren Schwaz das sonst in dieser Fleckviehversteigerungshalle erhältliche Angebot an Vielseitigkeit wohl noch übertreffen. Nicht nur im Hinblick auf das Aufspüren geeigneter Spielorte, sondern auch im Füllen ebendieser, was bei einem Ort wie Rotholz eine eigene Leistung bedeutet.

Eine Leistungsschau wurde hier auch in Form des Schlusskonzertes der Ensemble Modern Akademie geboten, als sich ihre Teilnehmer mit Werken des 20. Jahrhunderts eindrucksvoll präsentierten, und mitunter mehr als das: Bei Wolfgang Rihms Violinkonzert Gesungene Zeit etwa entspann sich eine Atmosphäre von gleißender Intensität, vor allem dank der Solistin Sabine Ahrendt, die der Stücklangsamkeit mit langem Atem und Beharrlichkeit folgte.

Zuvor hatte die Akademie bereits in der Schwazer Tennishalle mit Benedict Masons felt/ebb/thus/brink/here/ array/telling Station gemacht und einen wiederum passenden Ort mit im Raum wandernden Klängen durchmessen. Auch hier war die Ausdauer lohnend, ebenso wie der Aufwand erfindungsreich eingesetzter Stimmgabeln oder durch die Luft geschwungener Schläuche, deren einfache Schwingungen faszinierend komplexe und undurchschaubar oszillierende Gesamtbilder ergaben. Für einen konventionelleren Konzertabend war das Festival dann in den Kristallwelten Wattens beim Sponsor Swarovski zu Gast, der sich auch einen Konzertsaal leistet.

Umrahmt von zwei gediegenen Werken von Erich Urbanner mit dem Hang zum Improvisatorischen stellte das Ensemble Wiener Collage Werke von Absolventen aus Urbanners Kompositionsklasse vor, deren Bandbreite sich von einer erstaunlich simpel gestrickten Novität von Johanna Doderer bis zu den gestenreichen Etüden von Zdzislaw Wysocki erstreckte. Am meisten vermochten aber die Variationen von Bernd Richard Deutsch zu überzeugen: dicht gearbeitet, zwischen ätherischem Gleiten und pulsierender Aufgeregtheit vermittelnd, erinnern sie feinnervig zuweilen an die Webern'schen Bagatellen, was sich durch die Interpretation noch steigerte.

Klangmassen

Im neuen BTV-Gebäude von Architekt Heinz Tesar in Innsbruck ließ Elisabeth Schimana dann das Foyer erbeben, als sie bei Schimana on Tesar die Flötenklänge von Cordula Bösze durch ihren Laptop jagte. Ihre live generierten elektronischen Transformationen reichten von sich in Zeitlupe aufbauenden Klangmassen bis zu raffiniert perforierten Tönen - eine der zahlreichen in und um Schwaz gezeigten Facetten Neuer Musik.

Und auch das Konzert mit dem RSO-Wien unter Martyn Brabbins im Schindlhof Fritzens, wo sonst Rösser ihre Kunststücke vollführen, war von Gegensätzen geprägt: Während sich in Erin Gees Mouthpiece IX die Stimmkünste der Musiker-Komponistin in träge gleitenden Akkorden spiegelten, entwickelte Joanna Wozny bei loses farbenreiche Klangprozesse. (Daniel Ender / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.10.2006)

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