Von der Erleichterung zur Euphorie

2. Oktober 2006, 16:15
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Zunächst wollte es auch in der SPÖ kaum jemand wahrhaben, dass es sich für den ersten Platz ausgehen könnte

Der so genannte Portier-Indikator für Wahlkampferfolge stand in der SP-Zentrale in der Löwelstraße bald am Nachmittag auf Sieg: So viele Prominente und Parteifreunde, die in den letzten Monaten eher einen Bogen um diese Adresse gemacht hatten, gaben sich schon lange nicht mehr die Klinke in die Hand.

AK-Präsident Herbert Tumpel war ebenso darunter wie ÖGB-Chef Rudolf Hundstorfer oder Künstler André Heller, und diesmal fand auch Wiens Bürgermeister Michael Häupl schon am Nachmittag den Weg vom Rathaus in die Löwelstraße. Von Beginn an zeichneten sich zwar schwere Einbrüche der ÖVP ab, so richtig davonziehen konnte die SPÖ aber zunächst nicht. Erst als sich abzuzeichnen begann, dass die SPÖ knapp, aber doch vor der ÖVP liegen würde, machte sich Erleichterung breit. Das Unerwartete glaubten auch die hartgesottensten Anhänger erst nach Veröffentlichung der ersten Hochrechnung. Die Bundesgeschäftsführer Doris Bures und Norbert Darabos waren in erster Linie erleichtert, die Euphorie sickerte erst nach und nach durch. "Wie Weihnachten und Ostern zusammen" sei das Ergebnis, sagte Darabos schließlich, und ansatzweise machte sich sogar das Strahlen eines Kindes unter dem Christbaum auf seinem Gesicht breit. Als Erste werde die SPÖ auf jeden Fall den Regierunganspruch stellen, kündigte Darabos an. Bures schien zunächst ebenfalls gezeichnet vom Auf und Ab der letzten Tage, ehe sie den Mitarbeitern zu danken begann. Der Sieg der SPÖ sei vor allem "für das Land so wichtig", und über alles andere wollte sie zunächst nicht nachdenken.

Häupl glücklich

Glücklich war der Wiener Bürgermeister Häupl. Er habe "eine irrsinnig große Freude" mit dem Ergebnis. Der burgenländische Landeshauptmann Hans Niessl richtete aus Eisenstadt die besten Grüße aus, vor allem für den Wahlkampfleiter Darabos und den Spitzenkandidaten Alfred Gusenbauer. Die Regierung sei eindeutig abgewählt worden, die Wähler hätten bewiesen, dass sie sich eine andere Politik wünschen - sozialer, menschlicher und deutlicher auf ihre Bedürfnisse abgestellt. Hätte es den Bawag-Skandal nicht gegeben, wäre die SPÖ noch weiter vor der ÖVP gelegen: "Alfred Gusenbauer soll den Auftrag bekommen, die nächste Regierung zu bilden." Gesprochen müsse jetzt mit der ÖVP und den Grünen werden.

Voves überrascht

Der steirische SP-Landeshauptmann Franz Voves stieß in dasselbe Horn. Die Regierung sei abgewählt, die Österreicher hätten sich "resistent gegen die Regierungspropaganda erwiesen". Er selbst ha-be mit diesem Ergebnis allerdings nicht gerechnet, gab Voves unumwunden zu. Auch der Verantwortliche für die Wahlwerbung der SPÖ, Alois "Luigi" Schober rieb sich erleichtert die Hände. Es sei gelungen, die ÖVP mit einem harten, themenbezogenen Wahlkampf zu destabilisieren und die SPÖ-Klientel zu den Urnen zu bringen: "Das war das Ziel, und das hat den Erfolg gebracht."

"Wir sind Kanzler"

Selbstverständlich wurde in den Gängen der Parteizentrale schon am frühen Abend über mögliche Regierungskoalitionen spekuliert. Das sich Rot-Grün knapp nicht ausgehen würde, war der große Wermutstropfen im roten Freudenbecher. Vor allem aber sorgte für einige Unruhe, dass eine Koalition aus ÖVP, BZÖ und FPÖ rechnerisch möglich scheint. Mit der Einschätzung der Absichten der VP-Führung taten sich aber doch alle einigermaßen schwer: "Natürlich macht das der Schüssel, wenn es sich ausgeht." "Blödsinn, wenn er das tut, zerreißt es die ÖVP. Wir sind Kanzler." Eine Einschätzung, die sich wenigstens parteiintern im Lauf des Abend verfestigen sollte.

Völlig überrascht zeigten sich in der SPÖ alle vom starken Abschneiden des BZÖ, dem niemand das Grundmandat in Kärnten zugetraut hätte. "Jetzt geht das ganze unnötige Theater weiter", schüttelte ein ehemaliges rotes Regierungsmitglied resigniert den Kopf. Und auch von den Grünen hätte man sich mehr erwartet, schließlich seien die in allen Umfragen deutlich über zehn Prozent gehandelt worden. Doch über die Treffsicherheit der Meinungsforscher wollte sich im Verlauf des Abends mit Blick auf das eigene Ergebnis niemand mehr befassen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.10.2006)

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