Seipel: "Rational nicht nachvollziehbar"

3. Oktober 2006, 13:06
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Generaldirektor des Kunsthistorischen Museums: "Große Koalition für mich kein Schreckgespenst"

Wien - "Ich bin sehr überrascht, um nicht zu sagen enttäuscht, dass eine sechsjährige erfolgreiche Regierung von Wolfgang Schüssel heute mehr oder weniger deutlich abgewählt wurde", meinte der Generaldirektor des Kunsthistorischen Museums, Wilfried Seipel, Sonntag Abend in einer ersten Stellungnahme. "Es ist eine demokratische Entscheidung, die mir allerdings rational nicht nachvollziehbar erscheint."

Er hoffe darauf, dass auch eine künftige Regierung die bisherige Politik im Bereich der Bundesmuseen fortsetzen werde. "Eine große Koalition ist für mich kein Schreckgespenst." Viele Bereiche der heutigen Museumspolitik seien in Zeiten der Großen Koalition entstanden, er habe keinerlei Bedenken, dass der Wert des österreichischen Kulturerbes künftig weniger Beachtung finden werde, meinte der Museumsdirektor. Bedauerlich sei, dass populistische Äußerungen noch immer einen großen Anklang fänden, sagte er in Richtung des Abschneidens von FPÖ und BZÖ.

Eine eventuelle Zusammenführung aller Kulturagenden in ein Ministerium sei zwar "eine Frage, die möglicherweise diskutiert werden wird", dabei könnten allerdings "Hahnenkämpfe" über die Budgetverteilungen zwischen Museen und Theatern zu befürchten sein. In jedem Fall halte er es für sinnvoll, dass die Agenden der Museen wieder gemeinsam mit jenen von Forschung und Universitäten in einem gemeinsamen Ministerium wahrgenommen würden.

Schottenberg überrascht

Auch Michael Schottenberg, Direktor des Volkstheater Wien, zeigte sich vom Wahlausgang "sehr überrascht. Für jeden ist klar: Diese Regierung ist abgewählt!" Österreich habe eben nicht den BAWAG-Vorstand gewählt, sondern eine neue Regierung. "Rechtsrechte Parteien" hätten "einen klar ausländerfeindlichen Wahlkampf" geführt. "Man muss akzeptieren, dass es Menschen gibt, die mit Angst machenden Parolen zu gewinnen sind. Aber man muss auch sehen: Es gibt sehr viele, die sie nicht gewählt haben..." Im Moment sehe es ganz nach einer Großer Koalition aus. "Österreich ist ja jahrzehntelang von einer solchen regiert worden", sagte Schottenberg, "Ob so etwas funktioniert, kommt sehr auf die Köpfe an, die daran beteiligt sind."

Bondy: "Habe mir immer Gusenbauer gewünscht"

"Ich bin sehr froh", meinte der in Paris weilende Intendant der Wiener Festwochen, Luc Bondy: "Ich habe mir immer Gusenbauer als Bundeskanzler gewünscht, denn ich halte ihn für einen aufrichtigen, sympathischen und den Menschen nahen Politiker, genau das Gegenteil eines unnahbaren Politikers." Das Wahlergebnis zeige, "dass Österreich durch seinen Eintritt in Europa ein großes Stück gewachsen ist. Ich habe in Wien das Gefühl gehabt, dass wir immer weniger provinziell werden."

Besonders erfreulich sei für ihn, "dass jene, die den Festwochen die kleinen Bundes-Zuschüsse weggenommen haben, nun abgewählt wurden", so Bondy. Ein Negativpunkt sei das Abschneiden von BZÖ und FPÖ: "Wir werden immer versuchen, bei den Festwochen Zeichen dagegen zu setzen." Er hoffe nun von einer neuen Regierung "auf eine intelligente Migrationspolitik, eine kluge Politik, eine Politik, die sich nicht anbiedert. Das ist das Wichtigste!"

Holender: Stimmen für BZÖ und FPÖ "traurig und deprimierend"

Für den Direktor der Wiener Staatsoper, Ioan Holender, handelt es sich um "ein erschütterndes Ergebnis": "Beide Großparteien haben verloren. Dagegen haben Strache und Westenthaler gewonnen. Das ist traurig und deprimierend." Die Verluste der ÖVP seien "gewaltig und für mich unerwartet", wenngleich man bedenken müsse, dass es Regierende immer schwer hätten. Es sei nicht um einen Denkzettel für die Regierung gegangen, denn Wahlentscheidungen seien immer "affirmative Taten" - gerade deshalb seien die Stimmen für FPÖ und BZÖ erschreckend.

Bei der Regierungsbildung könnte sich Holender durchaus auch eine rot-grüne Minderheitsregierung vorstellen, mit einer ÖVP in Opposition, die mit BZÖ und FPÖ gegen die Regierung "sicher nicht packeln" werde: "Das wäre vielleicht die effektivere Variante als eine Große Koalition", die auch unter dem Handikap leiden würde, dass sowohl SPÖ als auch ÖVP Stimmen verloren hätten. Im übrigen sei er stets ein Anhänger des Mehrheitswahlrechts gewesen, da dieses für klare Verhältnisse sorge: "Wer gewinnt, regiert." (APA)

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    Museumsdirektor Seipel (auf unserem Bild mit Bildungsministerin Gehrer und der soeben wiedergefundenen Saliera) befürchtet "Hahnenkämpfe" über die Budgetverteilungen zwischen Museen und Theatern.

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