Die vielen Nachtaktiven unter Tag

28. April 2007, 18:34
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Geisterzüge, fast verwaiste Kontrollräume und Dieselrauch-
schwaden: Hinter den Rollgittern wird auch nachts gearbeitet

Wien - Gleichmäßig summt und brummt der V-Wagen, während er hell erleuchtet in der Station "Gasometer" steht. Doch kein Fahrgast sitzt in der U-Bahn-Garnitur, auch auf dem ebenso hell erleuchteten Bahnsteig Richtung Ottakring wartet niemand. Der Fahrer, der "Zug fährt ab" murmeln könnte, fehlt in diesem Geisterzug ebenfalls. Wenn Thomas Glavinics "Die Arbeit der Nacht" verfilmt werden sollte, könnte man hier drehen. Allerdings dürften dann Thomas Kritzer und seine Kollegin nicht dabei sein.

Die beiden Mitarbeiter der U-Bahn-Betriebsleitung der Wiener Linien recken nämlich an diesem Samstag gegen drei Uhr früh die Hälse, um im Tunnel Richtung Simmering etwas besser zu sehen und zu hören. "Die Kollegen von der Schulungsabteilung sind wahrscheinlich zurückgefahren, um den anderen Zug zu holen", mutmaßt Kritzer, warum außer uns niemand in der verlassenen Station ist. An den neuen Garnituren wird hier "Kuppeln" und "Verschub" geübt, denn in die Fahrschule müssen U-Bahn-Führer vor allem in der Nacht gehen.

Nächtliche Fahrstunde

"Notbremsungen könnte man etwa während des laufenden Betriebs nicht ausprobieren, und die Kollegen sollen auch die reale Arbeitsumgebung der Enge und Dunkelheit der Tunnels kennen lernen, erläutert Kritzer am Weg zurück an die Oberfläche. Ein Schlüssel öffnet das Rollgitter, mit dem die Station versperrt ist, dann steht man wieder auf dem verwaisten Platz vor den ehemaligen Gasspeichern.

Fahrschüler und ihre Ausbildner sind aber nicht die einzigen, die in der Nacht unter Tag aktiv sind. Einige Stationen weiter entlang der U3 tuckert Frau Nowak als verantwortliche Transportleiterin in einer Diesellok an Bauarbeitern vorbei, die gerade Abdeckplatten über einem Kabelkanal zwischen der Rochusgasse und dem Kardinal-Nagl-Platz auf ihren Platz gelegt haben. Die Abgase des Gefährts, auf dessen Wagon die leere Kabelrolle von der Baustelle gefahren wird, sind im ganzen Tunnel zu riechen.

"Es müssen fast alle Arbeiten an und neben den Geleisen in der Nacht durchgeführt werden", schildert Kritzer. Viel Zeit bleibt dafür nicht: Zwischen Mitternacht und drei viertel eins schließen die Stationen, ab vier fährt bereits wieder der Signalzug, ohne Fahrgäste, die Strecke ab, die schon vorher wieder frei sein muss. Und mit Strom versorgt - denn während den 300 bis 400 Arbeitsschritten, die jede Woche durchgeführt werden, wird dieser aus Sicherheitsgründen in den betroffenen Streckenabschnitten ausgeschaltet.

Einmal wöchentlich Nassreinigung

Doch bevor die Arbeiter "ins Gleis gehen", wie es in der Bahnsprache heißt, müssen die letzten Züge abgefertigt und die Stationen geschlossen werden. Am bahntechnischen Knoten- und sozialen Brennpunkt Karlsplatz ist dafür seit zwölf Jahren Mario F. zuständig. Wenn er auf den Monitoren in der Stationsüberwachung sieht, wie die letzten Fahrgäste des Tages in die letzten Züge eingestiegen sind, beginnt er seine Routine. Die Aufzüge zu den Bahnsteigen werden versperrt, die Notstopps und der Zustand der einzelnen Rolltreppen werden überprüft, das Reinigungspersonal, das einmal wöchentlich für eine Nassreinigung sorgt, gegrüßt, die Rollgitter heruntergelassen, und kontrolliert, ob sich jemand noch in der Station versteckt - absichtlich oder unabsichtlich. Denn sowohl im Vollrausch eingeschlafene Nachtschwärmer als auch Obdachlose oder Drogenkranke entdeckt Herr F. manchmal in seinem mehrstöckigen Reich.

Wirkliche Angst hat er keine, in seiner Dienstzeit ist er nur einmal attackiert worden. Aber: "Sicherheitsabstand ist schon wichtig, man weiß es ja nie, theoretisch könnte hinter jeder Säule einer stehen", sagt er, während er durch das Zwischengeschoß geht. Hier liegt auch die U-Bahn-Leitstelle aus den 70er-Jahren. Früher Hirn des gesamten unterirdischen Bahnverkehrs, wird heute von hier aus nur mehr die U4 überwacht. Und irgendwann werden auch diese Mitarbeiter in die neue Zentrale nach Erdberg übersiedeln. Und Herr F. die Nächte alleine auf dem Karlsplatz verbringen müssen. (Michael Möseneder, DER STANDARD Printausgabe, 02.10.2006)

  • Müll muss entfernt,...
    fotos: standard/regine hendrich

    Müll muss entfernt,...

  • Stationen müssen gründlich sauber gemacht und die Funktionen der Rolltreppen überprüft werden...

    Stationen müssen gründlich sauber gemacht und die Funktionen der Rolltreppen überprüft werden...

  • ...: Macht die U-Bahn Schluss, beginnt für viele erst die Arbeit

    ...: Macht die U-Bahn Schluss, beginnt für viele erst die Arbeit

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