Natürlich gibt es Kängurus in Österreich

16. Oktober 2006, 12:51
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In aller Herrgottsfrüh ins Pub: Wien feierte das Finale im australischen Football - "Wenn bei uns einer liegen bleibt, hat er einen Grund"

Wien – Da staunten selbst die "Übriggebliebenen" der Nacht nicht schlecht, als sie am Samstag in aller Herrgottsfrüh am Irish Pub "Flanagans" beim Wiener Schwarzenbergplatz vorbeischlurften. Wer rechnet schon mit einem knackevollen Lokal um sechs Uhr morgens. Etwa hundert Besucher starren dort gebannt auf die an den Lokalwänden hängenden Bildschirme, hastig werden "Potato Wedges" oder Burger bestellt, leere Bierkrüge gibt es praktisch nicht. Egal, ob man gerade erst aus den Federn gestiegen oder schon seit Stunden auf den Beinen ist.

Der Grund für die Zusammenkunft zu so früher Stunde ist das Große Finale der australischen Football-Liga AFL zwischen den West Coast Eagles und den Sydney Swans. 3,5 Millionen Fans verfolgen regelmäßig das Finale vor den australischen Bildschirmen, weltweit sind etwa 190 Millionen live dabei. Zum größten australischen Sportevent sind dann ins Wiener Pub vor allem auch „Aussies“ gekommen. In den Dressen ihrer Teams und – natürlich – in Flip-Flops. Der Surfer Philipp Firth zum Beispiel reiste, von den Wellen an der Ostküste Spaniens kommend, über Tirol extra nach Wien. "In St. Anton, wo ich als Saisonier arbeite, wird das Finale nicht übertragen. Da musste ich eben nach Wien fahren." Im Van, versteht sich, und ein Kumpel reiste mit. Für die Party samt Übertragung einer Sportart, die hierzulande kaum bekannt ist, zeichnete der einzige heimische Australian Rules Football- Klub "Vienna Kangaroos", 2004 von Australiern gegründet, verantwortlich. Für den Team-Kapitän, den Österreicher Sebastian Dorda, steht neben dem Ausgang des Finales auch Mitgliederwerbung im Vordergrund. "Wir haben mit zwei Österreichern im Team begonnen, jetzt sind wir zwölf. Unser Ziel ist es, ein zweites Team zu gründen."

"Vogelfreie" Spieler

Australian Rules, auch "Footy" genannt, ist nicht so brutal wie Rugby, wird aber ebenfalls sehr körperbetont gespielt. Auf einem ovalen Spielfeld, flächenmäßig größer als zwei Fußball-Plätze, kämpfen 18 Spieler auf beiden Seiten in vier mal 20 Minuten Nettospielzeit um ein "Eierlaberl" – und natürlich um Tore. Diese werden mit vier Pfosten markiert. Wird der Ball durch die beiden größeren Innenstangen (goal posts) gekickt, gibt’s sechs Punkte, ansonsten wird dem Team bei einem Schuss durch die äußeren, kleineren Begrenzungen ("Behind Posts") ein Punkt gutgeschrieben. Im Match darf der Ball nur gekickt oder mit den Fäusten weiter gepasst werden. Fängt ein Spieler einen gekickten Ball, sobekommter einen Freistoß zugesprochen oder darf das Spiel fortsetzen. Kann ein Spieler den gekickten Ball nicht unter Kontrolle bekommen oder fängt er einen mit der Faust weitergegebenen Ball, so wird dieser Spieler de facto für "vogelfrei" erklärt: Bis auf ein paar Fairness-Regeln geht’s bei den Tacklings – ohne jegliche Schutzbekleidung – ordentlich zur Sache. Nicht zu Unrecht gibt’s in den australischen Zeitungen neben Spalten für Torschützen auch eigene für "Verletzte".

Musikalischer Tackler

Russell McGregor, leidenschaftlicher Legionär bei den "Kangaroos", steht dennoch auf Footy. "Ich hasse etwa diese Schauspieler im Fußball- Dress", ätzt er. "Wenn bei uns einer liegen bleibt, hat er einen Grund dafür." Auch wenn sein Brotberuf Football eigentlich verbietet: Der Musiker dirigiert etwa das Schönbrunner Schlossorchester und spielt Violine beim Linzer Johann Strauss Ensemble. Im mit fast hunderttausend Fans ausverkauften "Melbourne Cricket Ground" nehmen die West Coast Eagles inzwischen Revanche für die Vorjahres- Finalniederlage gegen die Swans aus Sydney. Mit dem knappsten aller möglichen Ergebnisse: 85:84. Der Bruder von Russell ist live im Stadion dabei, per Telefon liefert er Stimmungsberichte, fröhlich erzählt er Ende des dritten Viertels, dass er sich gerade sein zwölftes Bier genehmigt. Auch die Besucher im Flanagans sind aus dem Häuschen, feiern bis weitnach Mittag weiter. Die Fan-Shirts der "Vienna Kangaroos" sind da schon längst ausverkauft. Quinten Lynch von den siegreichen West Coast Eagles fängt das Laberl und sich ein paar Schläge ein. (David Krutzler - DER STANDARD PRINTAUSGABE 2.10. 2006)

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    Quinten Lynch von den siegreichen West Coast Eagles fängt das Laberl und sich ein paar Schläge ein.

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