Die Krux des politischen Kabaretts

1. Oktober 2006, 20:11
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Die Wehmut, 1968 nicht miterlebt zu haben: Andreas Vitasek erinnert sich in seinem zehnten Programm "My Generation"

Andreas Vitasek , heuer 50 geworden, stellt am Dienstag im Rabenhof sein zehntes Programm vor: In "My Generation" erinnert er sich an die Jugend mit Arena-Besetzung, Wasserpfeife und viel Zeit. Im Interview mit Thomas Trenkler anaysiert er aber auch das Wahlergebnis.


STANDARD: Hat die Wahl das Ergebnis gebracht, mit dem Sie gerechnet haben?

Vitasek: Nein. Es ist eine große Überraschung, dass die SPÖ so gut abschneidet, die ÖVP so schlecht. Im letzten Moment dürften viele Grün-Wähler die SP trotz Bawag-Krise gewählt haben, um sie gegenüber der VP zu stärken. Die unangenehme Überraschung ist, dass FP und BZÖ gemeinsam etwa 15 Prozent haben. Da verschlägt es mir den Atem! Der Zuwachs ist nur mit der internationalen Islam-Krise erklärbar.

STANDARD: Mit welcher Regierung rechnen Sie nun?

Vitasek: Man muss jetzt richtig hoffen, dass es eine große Koalition gibt. Denn die Alternative wäre ÖVP/FPÖ/BZÖ!

Standard: Welche Regierung wäre Ihnen denn am liebsten?

Vitasek: Als Kabarettist wäre mir eine Regierung am liebsten, die man schön kritisieren kann. Als aufgewachsener Favoritner eine Regierung mit SPÖ-Beteiligung. Als Freiberufler hingegen eine Regierung, die den Mittelstand unterstützt. Und als Öko-Freak, der ich noch immer bin, möchte ich die Grünen dabeihaben.

STANDARD: Wie schreibt man ein Kabarettprogramm, wenn die Premiere zwei Tage nach der Wahl stattfindet?

Vitasek: Die Wahl hätte auch erst im November sein können. Dass sie am 1. Oktober stattfand: Das hat mich überrascht. Kein gutes Timing! Denn reagieren kann ich nur mehr aus der Hälfte. Ich muss jetzt prüfen, welche meiner Sätze noch gültig sind. Es gibt z.B. eine Nummer über Frauen in der Politik. Und da sag ich: Ich hab das Gefühl, Frauen haben nicht so einen Kadavergehorsam, die Gastinger könnte man sich auch in einer anderen Partei vorstellen. Da hat mich die Wirklichkeit bereits überholt. Das ist die Krux des politischen Kabaretts.

STANDARD: Ist das vielleicht auch ein Grund, warum Sie sich retrospektiv mit Ihrer Generation beschäftigen?

Vitasek: Ich versuche meine Generation zu umkreisen, also die Nach-68er-Generation. Die Arena-Besetzung 1976 ist der Beginn für mich. Es geht mir aber auch um die Konsequenzen für das Heute. Sprich: Die Leute, die früher bei der Gruppe revolutionärer Marxisten waren, die sind jetzt Banker.

STANDARD: Peter Licht rät den Alt-68ern, untereinander Diaabende zu organisieren. Der Song könnte aber auch für die Generation danach gelten, die den Kindern mit der Verklärung der Arena-Besetzung auf die Nerven geht.

Vitasek: Aber es gibt erst jetzt die nötige Distanz, um sich mit ihr zu beschäftigen. Ich war mir beim Schreiben auch gar nicht sicher, ob es diese Generation überhaupt gibt. Und dann hat sich herausgestellt, dass es doch etwas gibt: Diese Wehmut, 1968 nicht miterlebt zu haben, sondern nur die Nachwehen. Die Arena-Besetzung ist ja nichts anderes als eine verspätete Woodstock-Geschichte. Oder: den Krieg in keiner Form miterlebt zu haben, auch nicht den Wiederaufbau. Diese Generation war die erste, die ein wenig im Luxus aufgewachsen ist. Auch im Zeitluxus. Die übernächste Generation hat diesen Luxus nicht mehr: Mein 22-jähriger Sohn hat viel mehr Druck. Ich hatte hingegen viel Zeit. Und es gab damals vielleicht auch mehr Glückspotenzial.

STANDARD: Also Verklärung?

Vitasek: Ich kann nicht sagen: Es war eine furchtbare Zeit. Mir ist es gut gegangen. Aber ich werfe meiner Generation vor, dass sie nicht wirklich Verantwortung übernommen hat. Vielleicht, weil sie es bequemer hatte. Sie hat verabsäumt, Weichen zu stellen. Mein 50. Geburtstag, mein 25-jähriges Bühnenjubiläum und mein zehntes Programm. Also, wenn man da nicht kurz innehält und zurückschaut: wann dann? In einer Nummer verkaufe ich auf einem Flohmarkt alles um einen Euro: Die Dreifach-LP Woodstock, ein Wespennest-Sonderheft, ein Hobby-Packerl ohne Warnung des Gesundheitsministers, das kleine rote Schülerbüchlein, eine Wasserpfeife et cetera. Ein junger Mann möchte eine kleine Schachtel haben, aber die will ich nicht hergeben, denn in ihr sind all meine Träume, Illusionen, Triumphe, Niederlagen. Aber ich schenk ihm eine leere Schachtel: Damit er sie selbst anfüllen kann - ohne dass ich mich einmische.

STANDARD: Die Tod-Puppe fehlt. Ein Bruch mit der Tradition?

Vitasek: Ihr Fehlen ist definiert als Pause - damit sie nicht traurig ist. Es erscheint jetzt eine Ich-Puppe. Denn was meine Generation auch ausgemacht hat, ist die Suche nach dem Ich. Jeder begab sich auf Irrwege. Lecoq, mein Meister, hat einmal gesagt: "Suche dich nicht selbst, du findest niemanden." Dieser Supersatz war befreiend: Ich habe aufgehört, mich zu suchen. Die Ich-Puppe: Das ist eben eine Reflexion über die Ich-Suche.

STANDARD: Ein Zwiegespäch wie mit der Tod-Puppe?

Vitasek: Ja. In den Vorpremieren hat sie noch so geredet wie die Tod-Puppe. Umgekehrt: So wie ich kann sie ja nicht reden, denn sonst merkt man keinen Unterschied. Ich hab sie nun akzentuiert: Die Ich-Puppe ist ein kleiner Streber.

STANDARD: Ein Streber?

Vitasek: Schon auch. Beim 30-jährigen Klassentreffen bemerkte ich, dass die Gruppendynamik die gleiche geblieben ist. Die Streber sagen: Wir müssen die E-Mail-Adressen eintragen. Die Schlimmen sagen: Gemma in eine Bar! Und ich bin der, der sagt: Ja, gemma in die Bar - aber vorher sollten wir die Liste ausfüllen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.10.2006)

  • Andreas Vitasek, geboren am Tag der Arbeit 1956 in Favoriten, arbeitet als Regisseur, Filmschauspieler und Kabarettist.
    foto: standard/hendrich

    Andreas Vitasek, geboren am Tag der Arbeit 1956 in Favoriten, arbeitet als Regisseur, Filmschauspieler und Kabarettist.

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