Doch kein Wohlfühlkanzler

2. Oktober 2006, 18:32
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Wolfgang Schüssel brachte die ÖVP wieder an die Macht – aber nur für sechs Jahre

Wendig, mit seinem berühmten federnden Schritt und kein bisschen wahlkampfmüde – so huschte Wolfgang Schüssel am Sonntagmorgen in sein Wahllokal beim Hietzinger Gastwirt „Zum lustigen Radfahrer“. „Ich bin nicht erschöpft. Der Wahlkampf war ja kurz. Die EU-Präsidentschaft war viel anstrengender“, erklärte er gut gelaunt und ausnehmend geduldig den wartenden Journalisten.

Mangelnde Kondition kann dem „alten“ Kanzler niemand nachsagen. Manche Körper zerstört die Politik, Schüssel machte sie nur drahtiger und härter. Wer alte mit neuen Bildern vergleicht, blickt in die gleichen, wachen, manchmal schelmisch, manchmal verächtlich blickenden Augen.

Nur viele, feine Falten sind dazugekommen. Seine geistige wie körperliche Präsenz (Schüssel spielt einmal pro Woche Fußball), sein wohlinszenierter Hang zu anspruchsvollen Hobbys wie Cellospielen (er nimmt regelmäßig Unterricht) oder Karikaturenzeichnen, sein unterdosierter Umgang mit der Öffentlichkeit – all das ließ bisweilen vergessen, dass Schüssel neben Bundespräsident Heinz Fischer und dem Profiteur der großen Koalition der Neunzigerjahre, Jörg Haider, der längstdienende Berufspolitiker der Republik ist. 1968 trat er als Parlamentssekretär in den ÖVP-Klub ein – die beste Schule zur Erlernung des politischen Handwerks.

Wer nach 1985 geboren ist, hat ihn nie anders denn als Kanzler wahrgenommen.

Traum von der Dekade

Sein Traum war, bis 2010 durchzudienen und nach dem roten Sonnenkönig Bruno Kreisky als „Dekadenkanzler“ in die österreichische Zeitgeschichte einzugehen. „Ich trete für vier Jahre an“, erklärte er selbstbewusst, bevor er das Endergebnis kannte. Lächelnder Nachsatz: „Wenn ich gesund bleibe und die Partei mich weiter will.“

Am Mythos des Schüssel- Jahrzehnts bastelte er zuletzt selbst fleißig mit, etwa während des Jubiläumsjahres 2005: Seine Rolle darin sah er als tabuloser Durchbrecher der Große-Koalition-Logik, als politischer Zuchtmeister Haiders und schließlich als Restaurator der in seinen Augen naturgegebenen schwarzen Hegemonie Österreichs, die in den Siebzigerjahren versehentlich durch ein linkes, von Skandinavien inspiriertes Projekt unterbrochen wurde.

Auch im Wahlkampf präsentierte sich Schüssel mit einem abgewandelten Kreisky- Slogan. „Kreisky, wer sonst?“ wurde zu „Weil er’s kann“ und „Einfach der Bessere“.

Jene, die den Prä-Kanzlerära- Schüssel kannten, mussten über den zwar nie beliebten, aber dennoch respektierten Staatsmann Schüssel immer ein wenig schmunzeln.

Bevor sich der 61-Jährige nach den Nationalratswahlen 1999 in einer Mischung aus Kühnheit und Ausweglosigkeit vom dritten Platz zum Kanzler pokerte, galt er als verspielter Überflieger, der eher mit selbst gezeichneten Kinderbüchern denn mit politischen Projekten von sich reden machte. Im Nachhinein erkor er den Titel eines seiner Bücher aus dem Jahr 1983, „Mehr privat, weniger Staat“, zu einem seiner politischen Credos.

Kühler Pragmatismus

Visionen waren ihm fremd. Am Wahltag gefragt, was denn nun sein wichtigstes Regierungsprojekt für die nächsten vier Jahre sei, antwortete er technokratisch-pragmatisch: Das Budget 2007. Vielleicht war dieser emotionslose Professionalismus, dieses Ablehnen aller „jesuanisch- messianisch-chiliastischen Heilserwartungen“, wie Schüssel es in einem seltenen, emotionalen Moment einmal formulierte, im Rückblick der charakteristischste Wesenzug der Ära Schüssel – und auch genau ihr Problem. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.10.2006)

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