Una Wiener: God, I’m Head of Creation!

2. Oktober 2006, 09:10
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Warum muss die Tätigkeit, der ich nachgehe, ausgerechnet "Kreation" heißen?

Das mit den Frauen wäre also zu beiderseitigem (dies- und jenseits der Schreibschranke) Verdruss abgehandelt und ich kann ich mich einem Thema zuwenden, das mir seit jeher in der Kehle stecken bleibt. Warum muss die Tätigkeit, der ich nachgehe ausgerechnet "Kreation" heißen? Oft sogar mit "C".

Warum müssen die unsäglichen Bezeichnungen "kreativ" und "Kreative/r" zum Einsatz kommen, mit ihren Derivaten Kreativ-Direktor/in oder dem peinlichen "Griätifdaireckta"?

Kreation! Meines Dafürhaltens ist das ein relativ genau umschriebenes Aufgabengebiet rund um Religion und Mythologie und hat mit dem Vermitteln der Spezifika von Joghurt, Schlittschuhen, Sparzinsen, Kofferraumvolumen oder Babynahrung eher nichts zu tun.

Gruner & Jahr hat Creative Directors. Die sind wohl für das "Schöpferische" im Journalismus zuständig. Die Konsolieres bei Nintendo, Sony etc. haben sowieso richtig viele CDs. Auch Escada hat einen Creative Director für "den gesamtheitlichen kreativen Auftritt der Luxusmodemarke". H&M hat sowieso einen. Was ja auch irgendwie passt, da eine "Création" durchaus nachvollziehbar ein Haute-Couture-Modell bezeichnet. Wo sind die ähnlich Wortscheuen, die dann auch lieber sagen, dass sie Werbefuzzis sind oder "in der Werbebranche", dass sie "Werbung machen" oder "Kommunikation" oder ähnliches? Wer nicht "Texter" oder "Grafiker" (der Titel"Art-Direktor" ist jetzt auch nicht gerade schlüssig) angeben kann, muss sich doch genieren, der Oma auf Anfrage zu bescheiden, dass er ein "Kreativer" ist. Wo doch gerade Oma im Laufe ihres langen Lebens mit der "Erschaffung" von z.B. unzähligen Mahlzeiten, Notlösungen oder originellen Strategien in weit größerem Maße bewiesen hat, dass sie "Ideen hat und diese gestalterisch verwirklicht".

Eigenartig ist dann auch, wenn man sich auf die räumlichen Abteilungen in einer Agentur bezieht, und so etwas wie "Das Klo in der Kreation ist kaputt" melden muss.

Und bevor das mit dem Nörgeln wieder anfängt: Nein, "Chief Creative Officer" habe nicht ich erfunden. Und nein, ich habe bis dato auch keine Alternativbezeichnung anzubieten. Nehme aber Anregungen entgegen. Werbefachfrau. Werberin. Reklamechefin. Markenservice-Leiterin. Communicatress. You name it.

Zur Person
Una Wiener ist Chief Creative Officer bei Young & Rubicam Vienna.

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Hier machen sich Agenturchefs und Kreative Gedanken über Werbung und die Welt.

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