Lula verpasst knapp Wiederwahl

2. Oktober 2006, 17:40
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Stichwahl gegen Alckmin von der Partei der Sozialdemokratie Brasiliens - Zweite Runde am 29. Oktober

Brasilia/Sao Paulo - Der brasilianische Staatschef Luiz Inácio Lula da Silva hat in der ersten Runde der Präsidentenwahl wider Erwarten die absolute Mehrheit knapp verfehlt. Die Entscheidung über den künftigen Präsidenten des südamerikanischen Landes fällt damit Ende Oktober in einer Stichwahl zwischen Lula da Silva und seinem Herausforderer Geraldo Alckmin.

Die Wähler in dem südamerikanischen Land, die am Sonntag auch über die Gouverneure der Bundesstaaten und über deren Parlamente entschieden, straften den populären linken Politiker offenbar für eine Reihe von Korruptionsskandalen ab. Bis vor wenigen Wochen waren Beobachter noch davon ausgegangen, dass "Lula" die Wahl auf Anhieb gewinnen könnte.

Lula punktet in ärmeren Regionen

Den Wahlbehörden zufolge kam Lula von der Arbeiterpartei PT auf 48,6 Prozent der Stimmen und der von vielen Unternehmern favorisierte Alckmin auf 41,6 Prozent - mehr, als viele ihm zuletzt zugetraut hatten. Lula konnte vor allem in den ärmeren Regionen im Nordosten Brasiliens punkten, während sein Herausforderer von der Sozialdemokratischen Partei (PSDB) in den etwas besser gestellten Industriegebieten im Süden des Landes viele Wähler für sich gewinnen konnte. Alckmin betonte nach Bekanntwerden des Ergebnisses, er sehe große Chancen auf einen Sieg bei der Stichwahl am 29. Oktober. "Dann werden wir eine moralische, ehrliche und effiziente Regierung haben." Von Lula selbst gab es zunächst keine Stellungnahme. Vizepräsident Jose Alencar betonte indes, die Mehrheit der Brasilianer hätte das Regierungslager unterstützt.

Lula, der seit 2002 an der Macht ist, wollte sich mit seinen Mitarbeitern am Montag beraten. Sein Team hatte gehofft, eine Stichwahl verhindern zu können. Nun hat die Opposition noch mehr Zeit, sich zu einen, Wähler auf ihre Seite zu ziehen und die Korruptionsaffären öffentlich anzuprangern. Lula schadete im Endspurt des Wahlkampfes insbesondere eine angebliche Verwicklung in eine Schmutzkampagne gegen seinen Hauptrivalen: Wahlkampfhelfer des Präsidenten sollen versucht haben, ein belastendes Dossier zu kaufen, um Alckmin mit Korruption in Verbindung zu bringen. Darüber hinaus flogen während Lulas Amtszeit Skandale in seiner Partei auf, wie etwa um organisierten Stimmenkauf bei Abstimmungen im Parlament.

Korruptionsvorwürfe

Obwohl sich Lula - selbst aus der Unterschicht kommend - im Wahlkampf hauptsächlich auf die große Gruppe der Armen konzentriert und das Thema Sozialausgaben in den Mittelpunkt gerückt hatte, spielten bei vielen Wählern die Korruptionsvorwürfe eine Rolle. "Er hat viel Unterstützung verloren, weil er nichts gebracht hat und ethische Prinzipien vermissen lässt", sagte etwa eine 51-jährige Anwältin aus einem Mittelklasse-Bezirk in Sao Paulo. Andere Wähler dagegen nahmen Lula in Schutz. Derzeit werde in Brasilien ein schmutziges politisches Spiel gespielt, erklärte ein 33-jähriger Professor aus Sao Paulo. Er habe Lula trotzdem seine Stimme gegeben, weil er an ihn glaube.

Der 53-jährige Alckmin, früher Gouverneur von Sao Paulo, hatte damit geworben, die Steuern senken und Investitionen erleichtern zu wollen. Große Unterschiede in den Programmen der beiden Hauptkontrahenten gab es nach Ansicht von Experten aber nicht. In Erwartung eines zugespitzten Wahlkampfes für die Stichwahl gibt es in Brasilien nun aber die Sorge, die politischen Fronten könnten sich ähnlich wie zuletzt in Mexiko verhärten und anstehende Reformen in einer größten Volkswirtschaften Lateinamerikas verzögern.

Unterdessen feierte der 1992 wegen Korruption als Staatschef abgesetzte Fernando Collor de Mello ein politisches Comeback: Bei den Parlamentswahlen gewann der 57-Jährige am Sonntag einen Sitz im Senat für den nordöstlichen Bundesstaat Alagoas. (APA/Reuters/AP/dpa)

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    Präsident Luiz Inacio Lula da Silva bei einer Wahlveranstaltung in Sorocoba östlich von Sao Paulo.

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