Suche nach dem Schuldigen

6. Oktober 2006, 13:53
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Nach der offiziellen Insolvenzmeldungist bei den Mitarbeitern die Wut groß - Sie fühlen sich von Siemens und Benq gleichermaßen verschaukelt.

Der erste Schock ist vorüber, das Entsetzen bei den Mitarbeitern hält an. Wie am Vortag bereits angekündigt, reichte der deutsche Handyhersteller Benq Mobile am gestrigen Freitag in München den Insolvenzantrag ein. Am Donnerstag hatte Konzernmutter Benq in Taiwan beschlossen, keine weiteren Zahlungen an seine verlustreiche deutsche Sparte mehr zu tätigen. Von der Insolvenz sind insgesamt 3000 Beschäftigte betroffen.

Viel versprechender Anfang

Dabei hatte es vor einem Jahr nach außen hin für alle Beteiligten recht viel versprechend begonnen: Zum Auftakt seines Sanierungsprogramms hatte der neue deutsche Siemenschef Klaus Kleinfeld die hochdefizitäre Handyproduktion an die Taiwanesen verscherbelt. Um die Übernahme zu versüßen, hatte Siemens vor dem Verkauf noch an die 250 Mio. Euro in die damalige Siemens Mobile investiert und 100 Mio. Euro Abschreibungen übernommen. Noch in fünf Jahren werde man in Deutschland Handys herstellen, versicherten damals die Benq-Manager. Jetzt heißt es, außer Spesen nichts gewesen, man habe die Restrukturierung und ihre Kosten unterschätzt, das Fass zum Überlaufen hätten die schlechten Aussichten für das Weihnachtsgeschäft gebracht. Die Zukunft der Handyherstellung liegt für Benq in Asien.

Empörung

Bei den Mitarbeitern, die nach der Übernahme zum Erhalt ihrer Arbeitsplätze auf gut ein Viertel ihres Gehalts verzichtet hatten, herrscht Empörung. Ihr Zorn richtet sich dabei gegen die neue und die alte Mutter gleichermaßen. "Von vornherein waren beide Verhandlungspartner auf die Entsorgung der deutschen Mitarbeiter aus, anstatt sich um die Sanierung des Unternehmens zu kümmern", zitiert die Hannoversche Allgemeine Zeitung aus einem vom Betriebsrat verfassten Brief an Siemens. Auch Politiker wie der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) sowie die Gewerkschaften sehen eine Mitverantwortung des deutschen Konzerns und forderten ihn zum Eingreifen auf.

Systematisch kannibalisiert

Im Raum steht auch die Frage, ob der Betrieb in Deutschland "systematisch kannibalisiert" worden und ob gezielt eine Insolvenz herbeigeführt worden sei. Sowohl Siemens als auch Benq haben die Vorwürfe zurückgewiesen.

In Österreich, wo Benq 50 Mitarbeiter im Vertrieb beschäftigt, wisse man "noch immer nicht, wie es weitergeht", sagte Benq Mobile Österreich-Sprecherin Christina Brandenstein zum Standard. Das Österreich-Management befand sich gestern in München bei Krisensitzungen. Von Wien aus koordiniert Benq auch die Geschäftsaktivitäten für insgesamt 43 Länder Ost-, Südosteuropas sowie mittlerer Osten und Afrika, auf die Region, wo insgesamt 450 Mitarbeiter beschäftigt sind, entfällt ein Drittel des Konzernumsatzes.

Keine Überraschung

Branchenkenner überrascht die deutsche Benq-Pleite nicht sonderlich. Schon Siemens habe nicht mehr zur Konkurrenz aufschließen können, sowohl in technologischer Hinsicht als auch bei den "Skaleneffekten". Wachstum bei der Handyproduktion könne nur noch durch die Erschließung von Emerging Markets, wie Asien und Afrika, oder durch die Spezialisierung auf Nischen erzielt werden. Und obwohl die Fertigungsprozesse stark automatisiert sind, spielen Lohnkosten eben noch eine wichtige Rolle in der Handyfertigung. Eine Produktion in Hochlohnländern wie Deutschland könnten sich deshalb nur noch die Großen der Branche - Nokia und Motorola - leisten.(Karin Tzschentke/DER STANDARD, Printausgabe vom 30.9.2006)

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