Im Westen was Süßes

4. Oktober 2006, 18:00
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Dass man in Westsizilien leicht picken bleibt, mag am Marzipanobst liegen und am Dessertwein Marsala

Die zuckersüßen Bananen und Tomaten finden sich auch an anderen Ecken der Insel. In Palermos Konditoreien leuchten sie in die düsteren Gassen hinaus, so kokett wie es sich für Früchtchen eben gehört. Im Hafenstädtchen Mazara del Vallo sehen selbst die Kaktusfeigen und stacheligen Maroni zum Anbeißen aus.

Doch wer die Spur des traditionellen Marzipanobsts "Pasta di Mandorle" bis an die Quelle zurück verfolgen will, muss hinter Trapani auf die Erste schalten und am Ende der langen Serpentinen, die sich ins Bergörtchen Erice hinaufziehen, zunächst vor falschen Parkplatzwächtern auf der Hut sein. Das hat nun nichts mit Sizilien-Klischees zu tun, sondern mit einem Herrn unterm zerschlissenen Strohhut, der naiv aussehenden Touris selbst geschriebene Eintrittstickets für seine Stadt einreden möchte, Parkplatzgebühr freilich inklusive. Das wären dann schon zwei Dinge, die Erice auf Anhieb ziemlich sympathisch machen: der kleine Gelegenheitsgauner und die Schaufensterkörbe voll Marzipanobst, die hier auf eine lange Tradition zurückgehen.

Baumeister Daidalos

Ein Sohn der Aphrodite namens Erxy soll den Bergort gegründet und ein gewisser Daidalos dessen Stadtmauern geplant haben, was, wie man bis heute sehen kann, ja auch einigermaßen funktionierte - immerhin müssen Stadtmauern, im Gegensatz zu Söhnen mit Federflügeln (Stichwort: Ikarus!) nicht fliegen. Das möchte man allerdings als Besucher der Stadt ganz gerne - etwa wenn man zum höchsten Punkt, dem Castello di Venere unterwegs ist. Steile Gässchen verbinden hier ein mittelalterliches Ensemble von Kirchen und Treppen, von lauschigen Innenhöfen und kieselsteingepflasterten Plätzchen, die in ihrer baulichen Geschlossenheit selbst für Sizilien ein rarer Glücksfall sind.

Schichtwechsel

In Schichten lagert hier Geschichte: In der Normannenburg des Castello de Venere, das selbst aus dem 12. Jahrhundert stammt, wurden einst Reste eines antiken Aphrodite-Tempels gefunden, darunter ein sehenswerter Kopf der Fruchtbarkeitsgöttin, der nun im Museo Communale A. Cordici marmorblind vom Sockel schaut. Doch auch der etwas tiefer gelegene Dom La Matrice, 1314 samt frei stehendem Campanile errichtet, bringt den mittelalterlichen Charme dieses Städtchens auf den Punkt - vor allem wenn er sich unerwartet und schroff aus dem Nebel schält, der Erice im Herbst häufig umschließt.

Eine gute Basis, um den erstaunlich wenig besuchten Westzipfel Siziliens unter die Lupe zu nehmen, ist der romantische Bergort allemal. Überblick verschafft ja allein schon die Lage in 751 Metern, und hoch über dem uralten Schifffahrtsweg einer historischen Küste, die nördlich von Erice in Siziliens erstes Naturschutzgebiet übergeht - die Riserva Naturale dello Zingaro. Ein zehn Kilometer langer Pfad führt hier den Golf von Castellamare entlang, vorbei am smaragdgrünen Wasser kleiner, erstaunlich einsamer Badebuchten, und schließlich weiter zum Nordzipfel des Capo San Vito und dem ehemaligen Tunfischhafen Tonnara di Scopello.

Dass "Hafen" in der hintersten Ecke Siziliens immer auch ein bisschen "Afrika" bedeutet, kann man indessen in wenig besuchten Städten wie Mazara del Vallo erfahren. Der Nachbarkontinent ist Teil des kulturellen Erbes, seit Karthagos Tagen geht das bekanntlich schon so. Couscous statt Canelloni lautet mitunter die Devise - zumindest wenige Schritte neben der zentralen Piazza della Repubblica, der barocken Gelati-Schleckbühne der Stadt. Lässt man die honiggelb gewölbten Fassaden der mächtigen Cattedrale Santissimo Salvatore hinter sich, so schiebt sich rund um die vom Verfall geprägte Kasbah viel arabisches Flair vor den Mastenwald des nahen Porto di Canale, der nebenbei die größte Fischereiflotte Sizili-ens beherbergt.

Konkurrenz für Porto

Und dann gibt es natürlich auch noch den Hafen Allahs. Marsah-al-Allah heißt das auf arabisch, in der Kurzform Marsala, ein doppelbödiger Namen. Denn seit der Engländer John Woodhouse 1773 hier die Grundlagen zur Produktion von Dessertwein schuf, der dem damals boomenden Portwein Konkurrenz machen sollte, wurde "Allahs Hafen" zur weltbekannten Einfahrt Richtung süßer Rausch.

Nicht dass dieser Teil der Insel, in dem die benachbarten Städtchen Marsala und Mazara del Vallo liegen, eine durchgehende Panoramapostkarte wäre. Salinen prägen das Umland. Und die Stümpfe der nun mit Elektromotoren betriebenen Windmühlen sehen eigentümlich amputiert aus.

Von beachtlicher Statur ist hingegen der kulturelle Ma-gnet der Region. Er liegt ganz im Südwesten und bleibt - neben Palermo - für viele Reisende überhaupt erst der Grund sich so weit in Siziliens wilden Westen vorzuwagen. Wussten doch bereits die dorischen Griechen, dass hier, zwischen Sanddünen und den pastoralen Dauerwellen einer sanft ondulierten Landschaft, vor allem die wilde Sellerie wuchert. Das Küchenkraut, "selinon" nannten es die Dorer, schaffte es immerhin zum Corporate-Identity-Träger einer malerischen Kulisse. Antiken Münzen wurde das Sellerie-Branding eingeprägt - und heute markiert es den Namen der größten Ausgrabungsstätte Europas: Selinunte.

Wer es mit Sonnenuntergängen hat: bitte, nichts wie her! Pittoresk und orangewangig versinkt Liesl hinter umgestürzten und gerade noch stehenden Säulen im Mittelmeer, am spektakulärsten beim Herakles-Tempel. Archäologen konnten hier unter anderem die Polychromie griechischer Tempel nachweisen - denn dekorative Farbreste hielten sich in Selinunte besser als sonst wo. Doch bloß für Sundowner ist die Anlage zu schade, besser man legt sich schon ab mittags an den angrenzenden antiken Hafenstrand, die Flasche Masala in der Hand.(Robert Haidinger/Der Standard/30.09./01.10.2006)

Info: Enit
  • Tempel in Trapani.
    foto: www.enit.it

    Tempel in Trapani.

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