Qualität der Offenheit

5. Oktober 2006, 23:07
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Ein Gespräch mit Johannes Fritzsch, neuer Chefdirigent an der Grazer Oper

Graz - Alles neu macht offenbar der Herbst: Es gibt nun eine neue steirischer-herbst-Intendantin; auch eine neue Schauspielintendantin hat ihr Amt angetreten und ja: Auch ein neuer Chefdirigent ist an der Oper bei der Arbeit zu beobachten. Alles neu also - Graz hat für heuer gleich drei wichtige künstlerische Personalweichen gestellt.

Mit Johannes Fritzsch tritt ein hochkarätiger Dirigent den nach dem Weggang von Philippe Jordan seit zwei Spielzeiten verwaisten Posten eines musikalischen Chefs der Grazer Oper an. "Chefdirigent" sei ihm hierzulande als Berufsbezeichnung wesentlich sympathischer als der etwas martialisch anmutende Titel "Generalmusikdirektor", meint der 46jährige Sachse. Als solcher wirkte er immerhin sechs Jahre in Freiburg im Breisgau und 2005/2006 kommissarisch am Staatstheater in Nürnberg.

Sein handwerkliches Rüstzeug lernte der gebürtige Meißener aber noch zu DDR-Zeiten in Rostock und dann vor allem in Dresden. "Ich hatte das Glück, an der Semperoper fast vierhundert Aufführungen quer durch das Repertoire dirigieren zu können. Das beste Terrain für einen jungen Kapellmeister. Der einzige Nachteil war unsere 'Abgeriegeltheit' vom Westen."

Den lernte Fritzsch erst kurz nach der politischen Wende kennen, als er als Erster Kapellmeister in Hannover landete. Graz hätte bei ihm nach seinem Debüt mit dem Rosenkavalier von Richard Strauss in der Saison 2004/2005 angeklopft. "Die Chemie mit dem Orchester und dem Ensemble hat von Beginn an gestimmt. Das war ideal - es musste der Funke einfach überspringen."

Experimente

Als GMD am Freiburger Theater hat sich Fritzsch vor allem auch einen Namen mit Interpretationen zeitgenössischer Musik gemacht. "Wir stellten jedem Orchesterkonzert eine Auftragskomposition als Uraufführung voran. Ein durchaus gewagtes Experiment, das aber bestens angenommen wurde." Und wofür Freiburg vom Verband Deutscher Verleger auch mit dem begehrten Prädikat "Bestes Konzertprogramm" ausgezeichnet wurde.

Im Frühjahr 2006 oblag Fritzsch zudem in Nürnberg die viel beachtete Uraufführung von Luca Lombardis Shakespeare-Oper Prospero. Diese Seite seiner Arbeit sollte auch in Graz nicht untergehen. Auch an seiner neuen Arbeitsstätte würde er natürlich gerne viel Zeitgenössisches dirigieren. "Die Stadt ist bekannt für ihre Offenheit und Neugier. Auch wir Sachsen sind von Natur aus neugierig und begeisterungsfähig. Ich möchte die Fühler in alle Richtungen hin ausstrecken. Doch vorerst möchte ich mein Publikum erst mal kennen lernen." Und gleichzeitig Initiativen zur Musikvermittlung an junge Menschen starten.

Begeisterung sofort

"Wir brauchen sie im Opernhaus und im Konzertsaal. Mit der neuen Reihe der Familienkonzerte wollen wir ein wichtiges Signal in Richtung Zukunft setzen. Die Kinder reagieren spontan. Entweder bekommt man ihre Begeisterung sofort oder gar nicht," meint Fritzsch.

In der laufenden, vom 2009 scheidenden Intendanten Jörg Kossdorff noch allein und nicht gerade abonnentenfeindlich gestalteten Spielzeit übernimmt Fritzsch nebst Carmen noch zwei weitere Premieren: den Fliegenden Holländer (als Koproduktion mit München und immerhin in der Regie von Peter Konwitschny) und Kienzls Evangelimann. Dazu kommen Konzerte mit dem Grazer Philharmonischen Orchester in der Grazer Oper, im Wiener Musikverein, in Stift Vorau und auf den Kasematten. Fritzsch, dessen Vertrag auf drei Jahre angelegt ist, dürfte also in Graz nicht fad werden. (Peter Stalder, DER STANDARD Printausgabe, 30.9./1.10.2006)

Premiere von Bizets Carmen: Sonntag, 1. Oktober 2006, Weitere Vorstellungen am 4., 6., 8., und 12. Oktober. 18.00 Uhr
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Bühnen Graz
  • Johannes Fritzsch: Musikchef der Grazer Oper
    foto: philipp

    Johannes Fritzsch: Musikchef der Grazer Oper

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