Sadistische Spielchen

5. Oktober 2006, 12:28
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Armin Petras hat mit dem Stück "Tanzen!" psychische Gewalt am Arbeitsplatz thematisiert

Armin Petras ist vieles. Er ist ein unermüdlicher Regisseur, der in den vergangenen Jahren dutzende Theaterabende herausgebracht hat. Er ist Autor, der sich in dieser Rolle das Pseudonym Fritz Kater zugelegt hat und mit Bedacht auf der Trennung beharrt, um ungehindert vom Kulturbetrieb seine Stücke zu schreiben. Der 41-Jährige verfügt, wie der erfundene Dramatiker Kater, über eine vertrackte Ost-West-Biografie. Er kennt beide politischen Systeme, aber macht kein Aufheben davon. Eines ist Petras ganz sicher nicht: einer, der gerne im Zentrum steht und den Boss markiert.

Natürlich ist das nicht leicht zu verwirklichen. Denn seit Kurzem leitet Petras als Intendant das Berliner Maxim-Gorki-Theater, das an diesem Wochenende mit einem Eröffnungsspektakel und zehn Premieren startet. Eine Überforderung: für das kleine Ensemble aus neunzehn Schauspielern, für die Zuschauer, die nicht wissen, was sie bekommen, und für das geringe Budget der Bühne. Nur Petras wirkt gelassen: "Ich überfordere mich ganz gerne."

Aufmerksamkeit

Damit ist er selbst genau das Gegenteil des Vorgesetzten aus seinem neuen Stück Tanzen!, für das Armin Petras bis vor zehn Tagen noch in Graz probte und bei der Premiere beim Steirischen Herbst für einige Aufmerksamkeit sorgte. Tanzen! ist nicht nur eine kleine Farce über drei Mitarbeiter, die den Fetisch Arbeit als höchsten Wert der Selbstachtung zutiefst verinnerlicht haben. Es zeigt auch radikal, dass ihnen im Kampf um den Arbeitsplatz alle Mittel recht sind: sexuelle Belästigung, Erpressung und Demütigung. Tatort ist das Büro eines Abteilungsleiters, der seiner Mitarbeiterin Inga eine Unterschrift abpressen will, um sie bei der bevorstehenden Kündigung rechtlos zu machen. Die dynamische Sandra dreht das Machtspiel kurzerhand um und zieht Richtung Chefetage vorbei, nicht ohne den Abteilungsleiter mit sadistischen Spielchen zu quälen.

Dass sich der deutsche Vielarbeiter Petras mit den Machtspielen am Arbeitsplatz genau in der Startphase seiner Leitungsposition beschäftigt, ist ein terminlicher Zufall. Den scharfen Blick, den er darauf wirft, hat er konsequent entlang der gesellschaftlichen Veränderungen entwickelt. In seinem Erfolgsstück zeit zu lieben, zeit zu sterben, das Ende der 90er-Jahre entstand und 2003 in der Hamburger Inszenierung zum Theatertreffen eingeladen wurde, mischen sich noch hoffnungsfroh die Erinnerungen an ein Heranwachsen in der DDR mit dem Durchwurschteln im Westen und den trotzigen Selbstbehauptungskämpfen um neue Lieben und neue Arbeit.

Diese Kämpfe waren kurze Zeit später in dem Stück 3 von 5 Millionen bereits ausgefochten. Arbeit für alle gibt es in dem Text nicht mehr, und das Schicksal Arbeitslosigkeit führt zu seelischen Verwerfungen. In Tanzen! ist es im nächsten Schritt die Arbeit selbst, die krank macht. Für Petras beschreiben beide Stücke die Folgen eines Versäumnisses: den verpassten Wandel in den Köpfen, dass auch ohne geregelte Lohnarbeit ein glückliches Dasein möglich ist.

Bei der Beschäftigung mit dem Thema fällt mir immer wieder auf", sagt Regisseur Petras, "dass Politiker und Gewerkschafter an der alten Idee von Arbeit festhalten und dafür kämpfen, dass es Arbeit für alle gibt. Real ist vielmehr, dass es nie wieder Arbeit für alle geben wird." Nötig wäre eine Umwertung der gesellschaftlichen Bedeutung von Arbeit.

Angst

Doch eine Neubewertung von produktivem Frust in Lust muss gelernt werden. Wenn Vorbilder dafür fehlen, bleibt der neue Blick auf Arbeit verwehrt. Schlimmer noch: Weil die als bedrohlich empfundenen Globalisierungs- und Rationalisierungsprozesse den Effekt verstärken, krallen sich alle noch fester an das althergebrachte Bild, sagt Petras. Paradoxerweise leiden auch alle jene, die noch einen Job haben: an der Angst, ihn zu verlieren, oder am Mobbing der Kollegen, die ihre Stellung sichern, indem sie andere ausgrenzen und demütigen.

Dass sich Petras sehr realistisch in der Phantasie übt, die eine moderne und hochorganisierte Unternehmenswelt als Quell des Inhumanen entlarvt, ist auch Ergebnis einer ausgiebigen Recherche. Petras hat mit ehemaligen Siemens-Beschäftigten ausgiebig gesprochen, und während der Proben zu Tanzen! haben er und die drei Schauspieler eine Biotech-Firma besichtigt, um Sprache, Kleidung und rituelle Verhaltensweisen eingehend zu studieren.

Teamwork

Die Exkursion der Theaterleute verfolgte noch ein zweites Ziel: den Mannschaftsgeist der Schauspieler zu stärken. "Künstlerische Höhenflüge erreicht man am Theater nur in der Gruppe", lautet Armin Petras' feste Überzeugung. Darin steckt für ihn auch der entscheidende Unterschied zwischen Theaterbetrieb und Wirtschaftsunternehmen: Der Einzelne ist mit seinen individuellen Emotionen, Leistungsein- und ausbrüchen nicht ein Störfaktor, sondern ein überaus wichtiger Beitrag zum Gesamtbild.

So ein Führungsprinzip aus dem Geist der Gruppe klingt überraschend einfach, aber nicht mehr ganz neu - und schon viele sind daran gescheitert. Als ersten Intendanten-Erfolg kann Petras am Maxim-Gorki-Theater jedoch verbuchen, dass namhafte Schauspieler wie Fritzi Haberlandt, Hilke Altefrohne oder Peter Kurth zu ihm gewechselt sind: Viel Arbeit für niedrige Gagen nehmen sie in Kauf. Dahinter steckt eine ganz eigene Utopie: Ein gutes Arbeitsklima ist eben unbezahlbar. (Simone Kaempf/Album - DER STANDARD-Printausgabe, 30.09./1.10.2006)

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    Regisseur Armin Petras

  • Artikelbild
    foto: steirischer herbst/peter manninger
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