Die im Stillen leiden

5. Oktober 2006, 12:28
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Im öffentlichen Dienst ist Mobbing verbreitet, der Wiener Magistrat schafft Abhilfe

Elisabeth Hager ist gespannt. Und sie bleibt das zumindest noch bis Montagmorgen. Dann bezieht sie ihren neuen Arbeitsplatz. Noch vermittelt sie den Eindruck, dass sie nicht so wirklich weiß, welche Aufgaben dort auf sie zukommen und wie hoch der Bedarf an ihrer Person sein wird. Frau Hager ist nämlich klinische Psychologin und als solche wird sie ab Montag, 2. Oktober, Wiener Magistratsbeamte beraten, die gemobbt werden - sofern die eben Rat bei ihr suchen.

Das rot-grüne Pilotprojekt in Wien ist ein sicheres Zeichen dafür, dass das Phänomen Mobbing weder selten ist, noch als Kavaliersdelikt gewertet werden darf. In Zeiten von Arbeitsverdichtung und Stellenabbau wächst der Druck am Arbeitsmarkt und auch die Konkurrenz unter Kollegen. Dennoch wird Elisabeth Hager erst einmal eine Menge an Aufklärungsarbeit leisten müssen. Zum einen, weil es sich um einen hochsensiblen Bereich handelt, in dem subjektive Empfindungen sehr stark sind. Zum anderen, weil in allen Beschwerdefällen einmal abklärt werden muss, ob der Tatbestand des Mobbing überhaupt vorliegt. Die bisherige Praxis zeigt: Schikanen werden oft kleingeredet oder der überspannten Phantasie des Opfers zugeschrieben. Eine klare Abgrenzung ist nicht einfach. Wann sind Auseinandersetzungen am Arbeitsplatz ein simpler Streit, wann handelt es sich tatsächlich um Mobbing?

Täter und Opfer

Mobbing, das ist zielgerichteter Psychoterror am Arbeitsplatz. Hier geht es um systematische Ausgrenzung einer Person, und das über einen längeren Zeitraum hinweg. Mobbingverhalten kann sich verbal durch Beschimpfungen, nonverbal etwa durch das Vorenthalten von Informationen oder auch ganz brachial physisch äußern. Der typische Mobber, besagen Studien, ist männlich und Vorgesetzter, zwischen 35 und 55 Jahren und bereits länger im Betrieb beschäftigt. Das typische Mobbing-Opfer gibt es hingegen nicht, allerdings gibt es gefährdete Berufsgruppen, wie zum Beispiel Frauen, Ältere und Auszubildende. Auch Mobbing unter Frauen ist ein verbreitetes Phänomen, und am häufigsten kommt es in patriarchalisch strukturierten Betrieben vor, wo es fast nur männliche Chefs gibt. Hier konkurrieren Frauen dann auf zwei Ebenen - beruflich und um die Gunst der Männer. Schwierig ist es auch, die Zahl der Opfer genau zu beziffern. Nach den letzten verfügbaren Zahlen waren innerhalb der Europäischen Union rund drei Millionen Menschen Opfer von Gewalt am Arbeitsplatz. Ein Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) besagt sogar, dass die Schikane von Kollegen, sexuelle Belästigung, Drohungen und physische Attacken den betroffenen Volkswirtschaften jedes Jahr bis zu 3,5 Prozent der Wirtschaftsleistung kosten.

Nährboden öffentliche Verwaltungen

Es ist also kein Wunder, wenn Arbeitgeber jetzt aktiv werden müssen, obwohl Unternehmen bis dato das brisante Thema lieber unter dem Deckel gehalten haben. Als besonderer Nährboden für unkollegialen Terror gelten öffentliche Verwaltungen, in denen Beschäftigte oft über Jahrzehnte zusammenarbeiten - und dabei geringe Aufstiegschancen haben. Am Wiener Magistrat rechnet Elisabeth Hager auch mit Widerständen, und zwar von oben, "weil Mobbing unter Mitarbeitern immer auch mit einem Führungsproblem zu tun hat." Um Opfer zu schützen, gibt es im öffentlichen Dienst die Möglichkeit eines Disziplinarverfahrens, durch das auch Beamte kapieren sollen, dass Mobbing ein dienstrechtliches Vergehen und damit ein Kündigungsgrund ist. Hagers Hoffnung ist, dass die Beratungsstelle die erreicht, "die im Stillen leiden." Experten schätzen, dass im öffentlichen Dienst bereits vier bis zehn Prozent aller Beschäftigten von Mobbing betroffen sind. Und dass kranke Seelen zusehends zum belastenden Kostenfaktor für die Gesellschaft werden, ist auch kein Geheimnis mehr.

Ursachen für Mobbing haben immer mit schlechtem Arbeitsklima zu tun, wenn Personal über- oder unterfordert ist oder Unternehmenshierarchien vergiftet sind. Auch passiert es, dass sich Gewalt in der Familie am Arbeitsplatz fortsetzt. Die Folgen für Opfer reichen von Demotivation, Nervosität und sozialem Rückzug bis hin zu innerer Kündigung, Angstzuständen und Depressionen. Nach Meinung des US-Wirtschaftspsychologen Paul Babiak finden sich in Führungsetagen immer mehr Psychopathen, die ihre Untergebenen drangsalieren. In kapitalistischen Unternehmensstrukturen braucht es aber gerade das: gewissenlose Chefs, die harte Entscheidungen treffen. (Mia Eidlhuber/Album - DER STANDARD-Printausgabe, 30.09./1.10.2006)

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