Der triebliche Zusammenhang

5. Oktober 2006, 12:28
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Sexuelle Belästigung hat mit der Etablierung von Machtstrukturen zu tun

Betroffen sind weibliche Lehrlinge, Arbeiterinnen, Angestellte - Frauen jeden Alters. Es passiert in Läden, Fabriken, Büros, Restaurants oder bei Betriebsfeiern. Es kann als verbale Ausfälligkeit, als unerwünschte Aufmerksamkeit oder als massiver körperlicher Übergriff auftreten. Und selten bleibt es bei nur einem Vorfall, meist gibt es eine Steigerung der sexuellen Belästigungen, die so weit gehen kann, dass die betroffenen Frauen von der Belastung krank werden.

Sexuelle Belästigung ist die Ausübung von - selten subtiler - Gewalt gegen Frauen mit sexualisierten Mitteln. Es gibt keinen "typischen Belästiger". Die Täter sind Chefs, Vorgesetzte, Kollegen und manchmal auch Kunden. Sexuelle Belästigung hat manchmal mit fehlgeleiteter Triebsteuerung zu tun, viel öfter aber mit der Etablierung oder dem Aufrechterhalten von Machtstrukturen in betrieblichen Zusammenhängen.

Unsittlich berührt

Nehmen wir Frau Z. Sie war als Verkäuferin in der Filiale einer Bäckerei beschäftigt. Ihr Chef erzählte ihr von seinen sexuellen Erlebnissen und von der Größe seines Penis und "berührte sie mehrmals unsittlich, drückte sich von hinten an sie und rieb seinen Penis an ihr", wie es im Urteil des Obersten Gerichtshofs geschrieben steht. Frau Z. war so perplex und schockiert, dass sie auf die Übergriffe zunächst gar nicht reagieren konnte. Erst nach einigen Vorfällen machte sie ihrem Chef ihre Ablehnung deutlich, allerdings ohne Wirkung - er setzte sein Verhalten fort. Frau Z. schaffte es nicht, sich ihrem Lebensgefährten anzuvertrauen, die Sache war ihr zu peinlich. Ihre Belastung wuchs so weit an, dass sie schließlich mit Weinkrämpfen zusammenbrach und sich nicht mehr an ihren Arbeitsplatz traute. Sie beendete das Arbeitsverhältnis durch einen Austritt.

Damit waren die Belästigungen aber noch nicht vorbei. Ihr Ex-Chef weigerte sich, ihre Ansprüche zu bezahlen und zeigte sie wegen Ehrenbeleidigung an. Frau Z. wurde vom Vorwurf der Ehrenbeleidigung freigesprochen, musste dafür aber bis zum Obersten Gerichtshof prozessieren, um ihre Ansprüche durchzusetzen. Ihr Ex-Chef war bis zuletzt davon überzeugt, nichts Schlimmes getan zu haben und völlig ungerecht behandelt worden zu sein.

In der Beratungspraxis der Arbeiterkammer sind Geschichten wie die von Frau Z. nichts Ungewöhnliches. Bei aller Verschiedenheit der Umstände ist sämtlichen Fällen eines gemeinsam: Viele Opfer sprechen entweder niemals oder erst sehr spät über die Belästigungen. Und viele Arbeitgeber reagieren auf Beschwerden über sexuelle Belästigungen mit Unglauben oder Entrüstung. Nicht selten beenden sie das Arbeitsverhältnis mit der belästigten Frau, anstatt sich mit dem möglichen Belästiger auseinanderzusetzen. Oft wird vergessen: Sexuelle Belästigung ist eine Diskriminierung aufgrund des Geschlechts und damit eine Menschenrechtsverletzung, die Schadenersatzansprüche auslöst. Die Haftung kann auch Arbeitgeber treffen, wenn sie es unterlassen, für Abhilfe zu sorgen. Das kann von einer Abmahnung des Belästigers bis zu seiner Entlassung reichen.

Besonderer Schutz

Seit 2004 stehen Frauen, die sich über Diskriminierungen beschweren, und Kollegen, die sie unterstützen, durch das gesetzliche Benachteiligungsverbot, das Kündigungen oder andere Benachteiligungen wegen der Beschwerde verhindern soll, unter besonderem Schutz. Österreich hat das Verbot sexueller Belästigung bereits seit Beginn der 90er-Jahre gesetzlich verankert und war damit dem gesellschaftlichen Bewusstsein voraus. Inzwischen haben auch Gerichte das Problem erkannt. Daraus hat sich eine Rechtsprechung entwickelt, die auf die Ausnahmesituation, in der sich Opfer sexueller Belästigungen am Arbeitsplatz befinden, in angemessener Weise eingeht. Die Opfer müssen zwar noch immer den mühseligen Weg der individuellen Durchsetzung ihrer Ansprüche bei den Gerichten gehen, aber ihre Aussichten auf Erfolg sind heute besser denn je. (Martina Thomasberger/Album - DER STANDARD-Printausgabe, 30.09./1.10.2006)

Autorin Martina Thomasberger ist Juristin in der Abteilung Frauen und Familie der Arbeiterkammer Wien und Mitglied der Gleichbehandlungskommission für die Privatwirtschaft.
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