"Schüttaktionen" gegen Migranten

8. Jänner 2007, 16:54
40 Postings

Seit ein paar Wochen belästigen Unbekannte Meidlinger Lokale mit türkischem Hintergrund – indem sie Urin auf dem Gehsteig davor ausschütten

Ein engagierter Meidlinger macht den Ausländer-Wahlkampf verantwortlich und wehrt sich gegen die Provokation.

* * *

"Das ist eine Art von Provokation, die ich mir nicht gefallen lassen kann." Die Art der Provokation, die Günter Urbanetz meint, ist flüssig und äußerst ungustiös. Immer wieder hat er beobachtet, dass vor seinem Stammlokal in der Schönbrunner Straße kübelweise Urin auf die Straße ausleert worden war. "Die Spur war so, wie wenn sich zehn Leute hinstellen, um sich zu erleichtern", beschreibt er.

Dahinter stünden ausländerfeindliche Motive, ist Urbanetz sicher. Motive, die durch Fremdenhetze im Wahlkampf geschürt würden. Denn das helle Restaurant, eine Pizzeria an der Ecke zur Längenfeldgasse, gehört einem gebürtigen Türken – und ist nicht das einzige Ziel der "Schüttaktionen" im Grätzel. Immer wieder "markiert" wurde auch der Türkisch-Islamische Kulturverein ein paar Häuserblocks weiter sowie ein türkisches Reisebüro. "So vor vier Wochen ist es mir zum ersten Mal aufgefallen," erzählt Urbanetz. Seither haben ihm ein bis zwei Mal pro Woche Bäche an stinkenden Ausscheidungen den Magen umgedreht und den Zorn hochkommen lassen.

"Nur dumme Menschen kommen auf so eine Idee"

"Wer tut so was?", fragt sich der gelernte Maschinenschlosser mit dem besorgtem Blick und dem schütteren Haar, um sich die Frage gleich selbst zu beantworten: "Nur dumme Menschen kommen auf so eine Idee. Und wenn ich mir die FPÖ-Plakate anschaue oder wie Al-Rawi (Integrationsbeautragter der Islamischen Glaubensgesellschaft, Anm.) von Westenthaler (BZÖ-Chef) im Fernsehen verunglimpft worden ist... Das ist eine Provokation vor der Wahl." "Was soll ich machen?", fragt sich hingegen der Besitzer der "Pizzeria da Parma", die er vor zwei Jahren übernommen hat. "Ich muss damit leben." Das heißt, dass er, sofern es der Regen nicht erledigt, den Urin selbst wegschwemmt. Auch als ihm die Eingangstüre demoliert wurde, hat er sich damit abgefunden – weil er keinen Ärger will. Plakate mit Aufschriften wie "Daham statt Islam" sind ihm aber doch sehr "unangenehm". "Ich habe damit nichs zu tun. Meine Kinder fühlen sich als Österreicher. Und meine Religion ist meine Privatsache, und sonst nichts", geht der Mann mit der ruhigen Stimme und der betonten Zurückhaltung etwas aus sich heraus.

Genauso besonnen, aber weniger resigniert zeigt sich Murat Yetgin, Obmann des Türkisch-Islamischen Vereins für kulturelle und soziale Zusammenarbeit, der weiter stadteinwärts auf der Schönbrunner Straße ein Vereinslokal inklusive Küche und angeschlossenem Greißler betreibt. Er hat schon einmal Anzeige erstattet, freilich ohne Erfolg. Die Ausscheidungen auf dem Gehsteig stören ihn aber weniger als Hakenkreuze und andere Beschmierungen, die immer wieder die Hauswände verunstalten. Yetgin bestätigt, dass sich die Angriffe im vergangenen Wahlkampf-Monat konzentriert haben. Zweimal musste die Eingangstür neu lackiert werden, die Spuren von Übermalungen sind überall sichtbar. Böse Streiche oder politisch motivierter Unfung: Die Polizei gibt darauf noch keine Antwort, nicht jeder Zwischenfall wird den Beamten aber auch nahe gebracht.

Ausländerhass

19,2 Prozent Ausländer leben in Meidling. "Ausländerhass und Antisemitismus sind weit verbreitet", weiß Urbanetz aus eigener Erfahrung. Damit meint er nicht unbedingt die 16,5 Prozent der Meidlinger, die bei der Gemeinderatswahl 2005 die FPÖ wählten, sondern jene Menschen, die in riesigen Lettern "Österreich ist eine Judenrepublik" auf die Wand einer Lagerhalle sprühen (der Spruch wurde schnell übermalt) oder im Wirtshaus über Ausländer schimpfen. Der eloquente Arbeitslose, der von der Notstandshilfe lebt, scheut sich nicht, einzugreifen: "Ich mische mich überall ein, wenn jemand in der Straßenbahn gegen Ausländer redet – und wenn es Strache wäre. Mit dem würde ich sowieso gern einmal reden." Die Sache mit dem Urin hat aber dann das Fass buchstäblich zum Überlaufen gebracht: "Man kann Menschen, nur weil sie eine andere Religion haben, nicht wie einen Misthaufen behandeln. Aber die meisten Leute schauen einfach weg." Urbanetz fühlt sich an die 30er-Jahre erinnert: "In der Zwischenkriegszeit war die Arbeitslosigkeit auch sehr hoch. Und Juden mussten die Beschmierungen der Nazis selbst wegputzen."

Auf der dem türkischen Vereinslokal gegenüber liegenden Straßenseite befindet sich das "Bürgerbüro" der FPÖ Meidling. "Sich von innen nach außen wohl fühlen", steht auf einem ins verstaubte Schaufenster geklebten Zettel, das auf ein ebenfalls im Lokal angebotenes Ernährungstraining hinweist. (Karin Krichmayr/DER STANDARD-Printausgabe, 30.09./1.10.2006)

  • Ein übermaltes Hakenkreuz unter der türkischen Fahne: Der Türkisch-Islamische Verein war auch Opfer von "Urin-Attacken", die seit einiger Zeit im Grätzel verübt werden.
    foto: christian fischer

    Ein übermaltes Hakenkreuz unter der türkischen Fahne: Der Türkisch-Islamische Verein war auch Opfer von "Urin-Attacken", die seit einiger Zeit im Grätzel verübt werden.

Share if you care.