Ein Halbnarr, der Winter und ein Märchen

6. Oktober 2006, 14:26
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Thomas Bernhard bleibt kein Kinderbuchautor - von Alfred Goubran

Die Verlegerin Gertraud Middelhauve lud Thomas Bernhard 1965 ein, einen Beitrag für die von ihr geplante Anthologie "Dichter erzählen Kindern" (erschienen 1966) zu schreiben. Kurze Zeit später schickte er ihr sein "Märchen" mit dem Titel Viktor Halbnarr. Die Erzählung von wenigen Seiten wurde 2003 bei Suhrkamp in dem Band Erzählungen wiederveröffentlicht und erscheint nun als großformatiges "Kinderbuch" mit Zeichnungen von Alfons Schweiggert im Verlag Sankt Michaelsbund, München. Es geht in ihr um "einen Mann, müßt ihr euch vorstellen, der Viktor Halbnarr hieß", dem der Ich-Erzähler, er ist Arzt und gerade auf dem Weg zu einem Patienten, spätnachts begegnet.

"Er liege mitten im Hochwald mitten auf der Straße, weil seine beiden Beine, seine Holzbeine...plötzlich zusammengebrochen seien." Wie sich herausstellt, hatte Viktor Halbnarr mit einem Mühlenbesitzer eine Wette über achthundert Schilling abgeschlossen, dass er es in einer Stunde schaffe, den Hochwald "mitten im Winter" zu durchqueren.

Der Arzt, nachdem er ein wenig mit dem am Boden liegenden Viktor Halbnarr über den Erfrierungstod, "den entsetzlichsten aller Tode", disputiert hat, hebt sich Viktor Halbnarr kurz entschlossen auf die Schultern und hetzt, von plötzlichem Sportsgeist getrieben, mit ihm durch den Wald, bis in das Dorf, wo der Mühlenbesitzer schon am vereinbarten Treffpunkt wartet. Es ist Schlag zwölf, die Wette ist gewonnen. Das Geld wird ausbezahlt. Er nimmt Viktor Halbnarr noch zu seinem Patienten mit und verschafft ihm in einem Gasthof ein Zimmer. Auf dem Nachhauseweg denkt er: "Was für ein Mensch...ist der Halbnarr? Ist er verrückt?"

Anti-Rosegger

Natürlich hat Thomas Bernhard kein „Märchen“ geschrieben. Es ist eine kleine Geschichte à la "Als ich neulich nachts durch den Hochwald ging", eine Art grotesk-skurriler Anti-Rosegger, wie man es von Thomas Bernhard gewöhnt ist. Heißt es im Nachwort zunächst noch "Viktor Halbnarr" sei eine für Thomas Bernhard "atypische Geschichte", so kann man das wenige Zeilen weiter schon nicht mehr verstehen, wenn begründet wird, warum die Geschichte keine Konzessionen an die "Leitvorstellungen von einer ‚heilen Welt des Kindes‘" mache, denn da sei "der tödliche Hochwald, die Nacht, die Winterkälte, der wieder vergegenwärtigte frühere Unfall des jetzt beinlosen Halbnarr, die gerade noch verhinderte Katastrophe eines entsetzlichen Erfrierungstodes, seine Schmerzen, seine ziemlich hoffnungslose Lage – und auch der große, an den Teufel erinnernde Mühlenbesitzer."

Es wird nicht ganz klar, ob es verlegerisches Kalkül oder fehlgeleitete Bernhard-Begeisterung ist, die aus Thomas Bernhard unbedingt einen Kinderbuchautor machen will. Wenn man seinen Kindern unbedingt etwas vorlesen will, dann kann man das auch mit der autobiografischen Schrift Ein Kind (Residenz Verlag) tun. Und andersherum könnte man solcherart auch aus Franz Kafka einen Kinderbuchautor und aus Alfred Kubin einen Kinderbuchillustrator machen. Um den Viktor Halbnarr nur ja kindergerecht aufzubereiten, hat man, betulich bis zur Sinnlosigkeit, die "langen Sätze" teilweise in blasser Schrift gedruckt, so dass, überliest man sie, einfache Sätze entstehen, "die jedes Kind verstehen kann". Manchmal allerdings steigern die Weglassungen nur die Verwirrung. Die Illustrationen sind von hoher künstlerischer Qualität und sind passend zu der Geschichte ausgewählt. Die Erfahrung allerdings zeigt, dass sich Kinder eher davor ängstigen. Fazit: Thomas Bernhard bleibt kein Kinderbuchautor. (DER STANDARD Printausgabe, 30.09./01.10.2006)

Thomas Bernhard, Viktor Halbnarr. Ein Wintermärchen nicht nur für Kinder mit Zeichnungen von Alfons Schweiggert. € 17,40/40 Seiten. Verlag St. Michaelsbund, München 2006.
  • Artikelbild
    bild: verlag st. michaelsbund
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