Sex mit Minderjährigen ab 20 Euro

3. Oktober 2006, 14:43
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Ein Jahr nach der "Callgirl-Affäre": Minder- jährige Prostituierte gibt es auch mitten in Wien, bestätigt eine neue Studie

Wien - Vor über einem Jahr kam die "Callgirl-Affäre" ans Licht, seit August 2005 ermittelt die Staatsanwaltschaft, ob teils prominente Freier tatsächlich minderjährige Prostituierte bei einem Escort-Service "gebucht" haben. Bisher ohne konkretes Ergebnis, sind die beteiligten Mädchen doch zurück in ihren Herkunftsländern, vor allem Litauen. Und grenzübergreifende Erhebungen würden länger dauern, bedauert man bei der ermittelnden Staatsanwaltschaft Korneuburg. Eingestellt sei das Verfahren aber noch nicht.

Doch wer glaubt, dass Sex mit minderjährigen Prostituierten vor allem im Ausland zu finden ist, liegt falsch. Genauso wie mit der Annahme, dass man dafür "Escort-Services" bemühen muss. Denn in der Realität stehen die Mädchen und jungen Frauen auf den Gehsteigen - ohne spezielle Hilfsangebote, wie zwei Wienerinnen erstmals in einer Studie dokumentiert haben, die in den nächsten Wochen veröffentlicht wird.

Mit 25 Frauen im Alter von 14 bis 25 Jahren haben Tina Ring und Carolin Tener für ihre Dokumentation "Auf dem Strich" gesprochen. Die Gemeinsamkeit der Interviewten: Alle sind illegale Prostituierte auf dem Wiener Straßenstrich im Stuwerviertel und der Mariahilfer Straße und alle waren jünger als 18, als sie mit der Prostitution begonnen haben.

Die Einstiegsfaktoren sind unterschiedlich. Drogensucht ist nur ein möglicher Grund. "Ein Mädchen hat geschildert, dass sie auf dem Nachhauseweg von einem Freier angesprochen worden und dann eingestiegen ist. Andere wurden von ihren Freunden genötigt, ein Mädchen hat auch gesagt, sie sei aus Einsamkeit auf den Strich gegangen", fasst Tener zusammen. Die meisten waren schon früh sexuellen Übergriffen ausgesetzt.

Dass einem Freier nach dem Paragraf 207b des Strafgesetzbuches bis zu drei Jahre Haft drohen, wenn er eine unter 18-Jährige "unmittelbar durch ein Entgelt dazu verleitet, eine geschlechtliche Handlung an ihm oder einem Dritten vorzunehmen", schreckt kaum ab. Kein Wunder, verurteilt wird kaum jemand: Sieben Männer waren es laut Statistik Austria im Jahr 2004, aus dem die jüngsten Daten stammen. Vor allem wegen homosexueller Kontakte.

Begangen wird das Delikt dagegen auch zwischen Männern und Mädchen. Zwischen 20 und 150 Euro werden für ungeschützten Sex gezahlt, haben die beiden Fachhochschulabsolventinnen festgestellt. "Je kränker ein Mädchen aussieht, desto weniger. Aber es gibt auch Männer, die genau auf diese Art von Prostituierten fixiert sind", rekapituliert Ring. Auffällig an den Freiern: Viele haben Kindersitze auf der Rückbank ihres Wagens montiert, und viele Autos haben niederösterreichische Kennzeichen.

Keine Schals aus Angst

Und nicht alle bezahlen: "Es gibt Fälle, wo die Mädchen nach dem Sex einfach aus dem Auto geschmissen werden, aber auch gewalttätige Übergriffe. Im Winter tragen die Frauen zum Beispiel keine Schals, um nicht gewürgt werden zu können", erinnert sich Tener. Die Polizei ist nicht vordringlich mit der Verfolgung von Vergehen nach 207b oder gewalttätigen Freiern beschäftigt. Hauptanliegen von ständig wiederkehrenden Schwerpunktaktionen ist es, Prostituierte und Freier aus Wohngebieten zu vertreiben. Das exekutive Mittel dazu: Verwaltungsstrafen oder Verhaftungen für die Mädchen, vor allem Organmandate und Anzeigen wegen Straßenverkehrsdelikten gegen die Männer. "Durch die Strafen entsteht manchmal auch ein Teufelskreis: Die Frauen müssen anschaffen gehen, um sie zu bezahlen, und bekommen so gleich die nächste aufgebrummt", meint Tener.

Als Prostituierte wollte sich dennoch fast keine ihrer Gesprächspartnerinnen in den standardisierten Interviews bezeichnen, erinnert sich Ring. "Die überwiegende Anzahl sagt, das sei für sie nur eine Phase." Eine Phase, in der es für die jungen Menschen keine geeignete Anlaufstelle gibt, wie die beiden 27-Jährigen kritisieren. "In Hamburg beispielsweise wird das Problem der minderjährigen Prostituierten nicht unter den Teppich gekehrt", erläutert Tener. Dort gäbe es Betreuungseinrichtungen, neben Schlafplätzen auch mit Angeboten extra für jugendliche Sexarbeiterinnen, deren Bedürfnisse sich teilweise deutlich von denen erwachsener Prostituierter unterscheiden. (Michael Möseneder, DER STANDARD, Print, 30.9./1.10.2006)

Tina Ring/Carolin Tener
"Auf dem Strich - Mädchenprostitution in Wien"
Milena Verlag; 19,90 Euro
ISBN 3-85286-142-X

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Milena Verlag

  • Minderjährige Prostituierte sind auch auf Wiens Straßen, wie hier im Stuwerviertel, Alltag. Spezielle Betreuung gibt es nicht, die Freier brauchen kaum Angst vor Strafe zu haben.
    foto: standard/corn

    Minderjährige Prostituierte sind auch auf Wiens Straßen, wie hier im Stuwerviertel, Alltag. Spezielle Betreuung gibt es nicht, die Freier brauchen kaum Angst vor Strafe zu haben.

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