[dag] Zwetschkenreife

5. Oktober 2006, 12:15
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Der klimatisch gelungene September hatte das Pech, von Wahlphrasen niedergedroschen und weit unter seinem ideellen Wert zuplakatiert worden zu sein. Propaganda kann eben (wie Wohlstand, Gusenbauer und Glück) nie gerecht verteilt werden.

Aktuelles Beispiel aus der Natur, wo solche Gesetze herkommen: Zwetschken. Elfeinhalb Monate im Jahr sind sie nicht vorhanden. Stets fehlt der passende Zeitpunkt, an sie zu denken, unweigerlich fiele einem dazu der bald bevorstehende Winter ein. Die Bäume stehen oft in Gegenden, wo sich der Fuchs selbst gute Nacht sagen muss, weil der Hase großräumig ausweicht. Im Waldviertel etwa kommen auf jeden Menschen (im Freien) 150 Zwetschkenbäume. Jeder noch so knorrige Baum trägt heuer an die hundert Früchte, die nun aus Bosheit alle gleichzeitig reif werden und sofort geerntet werden wollen, andernfalls sie sich auf den Boden fallen lassen und verfaulen.

Und was machen wir Wiener am Sonntag? Aufs Land fahren? Bäume plündern? Zwetschkenkuchen? Sliwowitz? - Nein, wir verkriechen uns in Wahllokale und verschwenden die einzige Stimme, die wir haben, für die Vision vom geringsten Übel der Republik. (dag, Der Standard, Printausgabe 30.9.2006)

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