badeschluss, zurück und retour

6. Oktober 2006, 14:26
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Alle Jahre wieder schreibt FM4 den Literaturpreis "Wortlaut" aus - Hier der diesjährige Siegertext von Yvonne Giedenbacher

raus aus den kulissen, bühnenbauten, die sich vor und hinter einer auftürmen, zehn zwölfmeterhoch, schluss mit dem statistentum, habe ich mir gesagt und: ich mach mich auf den weg. hinaus aufs land! hinein mit dir, zurück in den mutterbauch, ab und zu an einem haus vorbei, weiß herausgeputzt, der dachboden wird gerade ausgebaut.

da muss man nicht lange üben, hier sind sie auch schon, die erinnerungen. altklug und unbedankt, wie immer. herzlich willkommen, nur herein mit euch! den fahrschein, bitte. er sagt es wohl zum wiederholten male, denn es faltet sich schon kleiner ärger in seinem gesicht, und die anderen, sechs augen, schauen mich interessiert von oben bis unten an. kaum das hinterteil auf blauen samt gebettet, fällt dem körper alles gleich wieder ein, schamlos wie immer, und er nimmt die nächste kurve, sanft nach links, vorweg.

blind geworden

auch die aussicht hat sich waggonfenstergroß, also deutlicher eingeschrieben als vermutet: das ausgebrannte haus auf offenem feld, das mir noch immer den schriftzug entgegenhält, von dem ich mich in all den jahren auf dem weg von und zur schule niemals gefragt hatte, wofür hier, mitten im nichts an einer kaum befahrenen bahnlinie, eigentlich reklame gemacht wurde, weil man irgendwann einmal durch alles hindurch sieht, blind geworden. und vielleicht, nach drei, vier jahren des täglichen passierens, hebst du nur einmal versehentlich den kopf und siehst die dinge, nicht wie sie sind, aber doch zum ersten mal, einen drachen aus stein an einer hauswand, das ausgebleichte schild mit der tollwutwarnung oder eben acht buchstaben, siegfried theodor richard otto heinrich und RUM mitten im nichts an einer kaum befahrenen bahnlinie.

für eine reise hat man meistens gute gründe, dienst oder urlaub, doch heute geht es um etwas ganz anderes, genauer gesagt, und darauf kommt man nicht von selbst: ich habe ein elternhaus zu verkaufen, wovon ausgehend sich mindestens zwei erzählstränge entwickeln könnten. zum beispiel: einfamilienhaus, baujahr 1962, guter zustand, kleinstädtische lage, 125qm wohnfläche, ca. 500qm garten mit altem baumbestand. oder auch: milch und honig, und mücken torkelten gegen mein gesicht, besoffen vom flirrenden sommer. ich kratzte die flüssigkeit vom stamm des kirschbaums, leckte die zähe masse vom zeigefinger, hob das gesicht nach oben, richtung sonne, die durch die blätter kroch, und die mutter, der helle schatten, sagte lichtl. komm.

fremd, von wegen

guter zustand, von wegen. ich streife durch die leeren zimmer, der mieter hat nicht viel dagelassen: einen schuhschrank, in dem schief die türen hängen, und einen lampenschirm aus nikotingefärbtem schnurgeflecht. wer hält so etwas schon aus. ich nicht, auf meinem weg durch fremde vor-, wohn-, schlaf-, kinderzimmer. fremd, von wegen. wo doch alles nur notdürftig verborgen knapp unter der oberfläche praktisch offen daliegt, nämlich die maserung des holzbodens und das rosabraun des badezimmers, das rechteck der abenddämmerung im fenster über den staubverschmierten heizkörperrippen: in meiner erinnerung steht er hinter dem zaun zum garten und lässt seinen rechten arm über das gitter baumeln. hin und her schneidet der maschendraht sanft in die weiße weiche haut an der innenseite seines oberarms und rillt rot in die achselhöhle, während ich ihn durch das fenster beobachte und auf meine unterlippe beiße, dieses mal noch ein wenig fester, bis ich einen hautfetzen zwischen den schneidezähnen habe. so nah. schluss damit, ich nehme mir ein zimmer im gasthof.

die vorstellung in einem entwicklungsroman in die falsche richtung unterwegs zu sein, von b nach a, zurück zu den wurzeln, macht mürbe, und ich schlafe tief und traumlos, selbstvergessen. nur ein mal schrecke ich aus dem schlaf, und es dauert eine weile, bis ich den lärm vor meinem offenen fenster als das erkenne, was er ist, nämlich dumpfe bässe aus dem innenraum eines autos und die halterung eines nummernschilds, das im rhythmus der musik vibriert. irgendjemand hat jetzt wohl das autofenster heruntergekurbelt, denn laut und deutlich rauscht es durch das gelächter herauf zu mir, nicht an mich gerichtet: dann lass dir doch einen blasen. kurz bevor ich wieder einschlafe, flüstert das zimmer: freitag abend, denn manche dinge ändern sich nie.

hauptsache meter machen

fünf haben sich angemeldet für die drei tage, in deren verlauf ich immer widerwilliger türen öffne und erklärend die hand hebe, ohne dann etwas zu sagen. außer vielleicht, sie sehen ja selbst, da wäre schon ein bisschen was zu tun. in verkaufsgesprächen wie diesen bleibt kein spielraum mehr, diese stimmung drückt den preis ins bodenlose. fragend, nickend arbeiten wir uns durch die räume, die ganz ohne mein zutun von mal zu mal schäbiger werden und enger, aber hauptsache meter machen, denke ich. immerhin: ich habe ein elternhaus zu verkaufen. sie kommen pünktlich um zwei, stehen plötzlich vor der tür. ich habe mich also nicht getäuscht. war das also doch sein name, obwohl am telefon nicht von ihm, sondern von einer unbekannten frau buchstabiert. ungefragt, wohlgemerkt. denn während diese noch vor sich hin spricht, viel zu laut und deutlich nordpol anton ulrich emil richard habe ich die buchstaben längst aneinander gereiht und bestaune das, was sie ergeben: er hinter dem zaun zum garten und das rote muster an der innenseite seines oberarms.

genau. er ist es wirklich, eine frau und zwei kinder inbegriffen. wir arbeiten uns durch das haus, zimmer für zimmer, während ich mich frage, ob er gerade an mich denkt, wie ich an ihn: wir kletterten über den zaun, auf das gelände des freibades. zwei rotweinflaschen klirrten in seinem rucksack gegeneinander, als er vom gitter hinunter in die wiese sprang. und ich sprang nach, lief hinter ihm her und holte ihn schließlich aufgeregt lachend ein. pssst, leise. gefallen wollte ich ihm wohl, gesehen werden noch viel mehr, an einem meiner letzten abende in der stadt.

das haus wenigstens gefällt ihnen, das steht vom ersten moment an fest. am nächsten tag, der fünfte interessent kommt erst um drei, spaziere ich hinunter an das flussufer, breite dort meine decke auf der wiese aus und lege mich in die sonne. es leuchtet orange durch meine geschlossenen augenlider, warmes orange, das in der nase juckt. da schiebt sich ein schatten schwarz zwischen mich und die sonne, unerbittlich. ich öffne die augen und sehe zuerst nichts als seine silhouette, umkränzt von gleißendem licht, ein scherenschnitt mit ausgefransten rändern.

ich lächle zu ihm hinauf. er macht eine unbestimmte bewegung, hebt wohl die hand zum gruß und reibt sie dann gleich an der hose. bückt sich hinunter zu mir und fragt, ob er sich wohl setzen könne. ja, bitte. und so sitzt er also neben mir, und blickt schweigend, von seiner rechten hand beschattet, um uns herum, so als hätte er die gegend seit jahren nicht mehr gesehen und wirklich, denn jetzt sagt er auf einmal: ich war seit jahren nicht mehr hier unten.

seine stimme hallt nach, hier unten, wie meine erinnerung an ihn, als er keuchte und keuchte, während ich verhalten atmend über seine schulter hinauf in den nachtschwarzen himmel schaute und mich fragte, ob ich ihm wohl gefiele. und ruckzuck war er fertig, zog sich zurück aus mir, und ich hatte das gefühl, nun doch etwas sagen zu müssen. schön war’s, zum beispiel. aber dann doch: ich glaube, ich gehe jetzt besser.

erinnerung

und plötzlich muss es sein, ich will es wissen: kannst du dich noch erinnern, an den abend im freibad. weißt du noch? und er schaut zurück, blinzelt kurz und dehnt das ja ein wenig zu lange, denn eines ist klar: er hat keine ahnung, wovon ich spreche. er schaut durch mich hindurch und redet sich um kopf und kragen: ja, das freibad. ist das lange her. und genau hier fällt unsere unterhaltung auch schon auseinander, noch bevor wir überhaupt zusammengekommen sind, jung wie nie: er denkt an himmelblaue wasser, chlorverhangen, das gekreische beim verbotenen beckenrandspringen, den milchflip, der ihm in der sonne weiß über die finger tropft, die ausgebleichten kunststoffbänke, in die wir mit unseren zigaretten schwarze flecken gebrannt hatten.

kurz gesagt: er kann sich nicht an mich erinnern. er weiß nicht mehr, dass ich gleich danach aufstand, meine sachen zusammenklaubte, die leere flasche ins gebüsch warf und mich hastig anzog. er wusste nie, dass er mir noch immer zwischen den beinen klebte, als ich nach hause radelte, dass ich besoffen und geistesabwesend eine mücke verschluckte, die sich im fahrtwind in meinen mund verirrt hatte. und plötzlich sehe ich die dinge – nicht wie sie wirklich sind, nein, aber doch zum ersten mal, dass nämlich alles ein ende hat, unwiederbringlich.

nichts ist übrig geblieben, stelle ich fest, nur die weiche weiße haut von der innenseite seines oberarms hat sich ausgedehnt zu einer viel zu großen menschenhülle, die seltsam fremd neben mir zusammengesunken ist. aus der entfernung rauscht die autobahn. ich wende meinen kopf in die richtung des geräusches und meine nur, hingehaucht und schon vergessen: ja, lange ist das her, als ich das fahrrad in die garage schob und leise die türklinke herunterdrückte, damit die eltern mich nicht hörten und fragten, wo ich denn gewesen sei. denn was hätte ich denn sagen sollen, ohne zu lügen. im freibad, lang nach badeschluss, unter einem berg aus weißer haut? ich schlich unbemerkt in mein zimmer, legte mich angezogen auf mein bett und starrte noch lange an die decke, an der die schatten des kirschbaumes zitterten. still.

wir sehen uns

ich schirme meine augen ab gegen die sonne und blicke ihn an, sein gesicht im schatten, und wieder hallt etwas nach, unerhört: ich gehe jetzt besser. wir sehen uns. er streckt die hand aus nach mir, doch dieses mal – siebzehn jahre später – umfasst er nur meine rechte und schüttelt sie. ja, hat mich gefreut. wir sehen uns.

ich werde ihm ein haus verkaufen, koste es, was es wolle, denn müde bin ich geworden, und mein preis ist ins bodenlose gefallen: 125 qm wohnfläche, ca. 500 qm garten mit altem baumbestand. und ich weiß jetzt schon, wie in einer nach vorne gerichteten erinnerung: seine kinder laufen durch das licht, das mädchen umfängt den kirschbaum und streckt die zunge nach dem eingefrorenen tropfen auf der rinde aus. honiggelb, harzbitter schmeckt er. lichtl, sagte mutter, wenn sie mich zärtlich rufen und aus dem garten ins haus locken wollte, zu einem teller anton berta cäsar buchstabensuppe oder der anprobe eines neuen kleides. mein lichtl, kleines. ganz ohne echo und ohne das wissen darum, dass sie wohl recht behalten würde, wie immer. denn verglüht sind wir alle, sie und ich, wie wir damals waren. (DER STANDARD Printausgabe, 30.09./01.10.2006)

Zur Autorin
Yvonne Giedenbacher, geboren 1976. Kindliche Fantasien einer Zukunft als Archäologin und Affenforscherin. Aber dann doch wie alle anderen auch: Matura, Studienabschluss, Dienstvertrag und Pensionsversicherung. _Derzeit arbeitet sie als freiberufliche Sozialwissenschafterin und studiert wieder. Notorische Leserin. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien. Lebt in Wien
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