Wahlkampf kostete 50 Millionen

3. Oktober 2006, 11:02
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Die letzten Aufrufe, die letzten Angriffe, die vollen Kosten - Offizielle Angaben von 28 Millionen laut Politologe "Makulatur": "Das geht in Richtung des Doppelten"

Noch gibt es ein paar Teddybären von FPÖ und BZÖ; rot-weiß-rote Freundschaftsbänder der ÖVP, blaue von den Blauen und orange von den Orangen; rot blinkende Herzen von der SPÖ (und ein Kondom dazu, wenn sich zwei Herzen gefunden haben); Kürbiskerne von den Grünen. Die letzten gelben Luftballons werden am Samstag im Museumsquartier aufgeblasen, wenn Wolfgang Schüssel seine Schlussansprache hält.

Was das nicht alles kostet! Im Sommerschlussverkauf dieses Wahlkampfs wird klar, dass es der teuerste war, den Österreich je erlebt hat.

Wahlkampfkosten

Und das ist dann auch Thema des letzten Schlagabtausches geworden: Im Wahlkampffinale hat sich vor allem die SPÖ auf die ÖVP-Wahlkampfkosten eingeschossen und insbesondere die ganz- und halbseitigen Kanzler-Inserate in mehreren Tageszeitungen am Donnerstag und Freitag kritisiert. SP-Bundesgeschäftsführerin Doris Bures meinte, die Volkspartei wende 21 Millionen Euro auf, allein der ÖAAB gebe sieben Millionen aus, so viel wie die Sozialdemokraten insgesamt.

ÖVP-Generalsekretär Reinhold Lopatka hielt der SPÖ "schmutzige Parolen" vor und erklärte, über die Kosten des eigenen Wahlkampfs gebe es keine Auskunft. Am meisten Geld habe in den vergangenen zehn Tagen allerdings die FPÖ ausgegeben, die vor ÖVP und SPÖ liege, glaubt Lopatka.

"Makulatur"

Der Politologe Hubert Sickinger bezweifelt sämtliche offiziellen Angaben zu den Wahlkampfkosten. Zum Standard sagte Sickinger: "Die ursprünglich genannte Summe von insgesamt 28 Millionen Euro ist Makulatur. Extrem vorsichtig geschätzt kommen wir auf deutlich jenseits der vierzig Millionen Euro."

Ursprünglich hätten beispielsweise die beiden Großparteien von jeweils sieben Millionen Euro Wahlkampfkosten gesprochen. Sickinger: "SPÖ und ÖVP liegen eher beim Doppelten, aber ganz sicher nicht unter zehn Millionen Euro. Auch die FPÖ wird deutlich mehr als die von ihr veranschlagten fünf Millionen Euro ausgeben." Genaueres wisse man freilich erst Tage nach der Wahl, sagte Sickinger. Die entscheidende Frage sei nämlich, was in den allerletzten Tagen in den Wahlkampf "gebuttert" wurde.

Luigi Schober ist jedenfalls rundum zufrieden. Der Young-&-Rubicam-Chef hat soeben den "spannendsten Wahlkampf aller Zeiten erlebt". Sagt er. Einen, den er für Alfred Gusenbauer womöglich gar noch gewonnen hat, wie er glaubt. Zumindest "hauchdünn" werde der Unterschied sein, die SPÖ werde jedenfalls die acht Punkte Rückstand, die der Bawag-Skandal ausgelöst habe, wieder aufholen.

"Helden" oder "Außerirdische"

Schober im Gespräch mit dem Standard: "Wenn wir nur knapp verlieren, sind wir die Helden, wenn wir gewinnen, Außerirdische." Zugegeben, die SPÖ habe einen Negativwahlkampf geführt. Aber einen erfolgreichen, lobt sich Schober. Und nur weil er vielerorts kritisiert worden sei, werde er seinen "Napalm-Sager" nicht zurücknehmen. Erst dadurch sei die SPÖ wieder in die Offensive gekommen.

In die Offensive auch deshalb, weil die ÖVP einen "schweren Kommunikationsfehler" gemacht habe: Selbstlob komme nicht an, auch die Bawag so massiv in den Wahlkampf zu stellen sei ein Fehler gewesen, glaubt Schober zu wissen.

"Ziemlich am Punkt"

Hemma Sassmann von der Agentur campdavid, die den Schüssel-Werbewahlkampf verantwortete, ist von Schobers Kritik unbeeindruckt. Sassmann: "Wir waren mit unserer Werbekampagne so ziemlich am Punkt. Der Kanzlerwahlkampf ist, glaube ich, aufgegangen." Es sei in keiner Weise riskant gewesen, den Wahlkampf auf Wolfgang Schüssel zu fokussieren. Der Kanzler werde - wie in viele Fokusgruppen analysiert - von sehr vielen geschätzt: "Diese Rechnung ist aufgegangen." Die ÖVP und auch die Agentur hätten sich nicht dazu hinreißen lassen, auf die Negativkampagne der SPÖ zu reagieren.

Wie sie als ÖVP-Werberin den SPÖ-Wahlkampf angelegt hätte? Sassmann: "Das wäre keine leichte Aufgabe. Ich hätte ihn jedenfalls sicher nicht so negativ angelegt, obwohl klar ist, dass man als Oppositionspartei angriffiger agieren muss."

Einmal geht's noch: Der Eurofighter

Neben dem Vorwurf, die Wahlkampfkosten zulasten der Steuerzahler in horrende Höhen getrieben zu haben, versuchte die SPÖ am Freitag noch einmal, den Eurofighter als wenn schon nicht wahlentscheidendes, so doch stimmenbringendes Thema hochzuziehen. SP-Rechnungshof-Sprecher Günther Kräuter forderte die Bekanntgabe von "Absturzzonen" für den Eurofighter - und begründet das mit dem Hinweis, dass auch in Deutschland solche Bereiche eingerichtet wurden. Allerdings habe eine davon betroffene Gemeinde erst nach dem "kontrollierten" Absturz eines Flugzeuges erfahren, in der entsprechenden Zone zu liegen. Allerdings handelte es sich dabei um einen amerikanischen Jagdbomber, was Kräuter nicht weiter anficht: "Jede Airbase hat ein genau bezeichnetes Areal für kontrollierte Abstürze. Das ist international üblich." Also solle auch die österreichische Regierung Eurofighter-Absturzzonen bekannt geben.

"Es gibt in Österreich weder in der zivilen noch in der militärischen Luftfahrt Absturzzonen, und es ist auch nicht geplant, solche einzurichten", versichert der Verantwortliche für die Eurofighter-Einführung, Generalmajor Erich Wolf. Offenbar rechnet Kräuter fix damit, dass diese Zonen auch benötigt werden: "Der Eurofighter wird aufgrund der technischen Überzüchtung extrem fehleranfällig sein, wodurch gezielte Abstürze mit großer Wahrscheinlichkeit auftreten werden."

FPÖ: "Unseriös"

Dem tritt sogar die FPÖ, die selbst vehement gegen den Eurofighter ist, entgegen: "Selbst ein ausgewiesener Gegner dieser Beschaffung, allerdings aus finanziellen Gründen, finde ich es auch im Wahlkampf mehr als unangebracht, so unseriös über Bereiche zu 'witzeln', die das Leben unserer Soldaten und der Bevölkerung betreffen", sagte der FPÖ-Nationalratskandidat und Offizier Wolfgang Jung. "Noch schändlicher wäre es, wenn damit Angst unter der Bevölkerung verbreitet werden sollte".

Jungs FPÖ hat in den letzten Tagen deutlich Aufwind gespürt. In den Umfragedaten gibt es zwar einen Aufwärtstrend, der über die letzte Monatsmessung des market-Instituts (zwischen acht und neun Prozent) weist. Ob es der FPÖ aber gelingen wird, den dritten Platz zu halten, ist offen - Teddy und Kürbiskern liegen noch im Clinch. (red, DER STANDARD, Printausgabe 30.9./1.10.2006)

  • Teddybären, Freundschaftsbänder, Kürbiskerne blinkende Herzen und Kondome: Die letzten Luftballons werden aufgeblasen.
    collage: der standard

    Teddybären, Freundschaftsbänder, Kürbiskerne blinkende Herzen und Kondome: Die letzten Luftballons werden aufgeblasen.

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