"Ich war nie der Rock-'n'-Roll-Typ"

10. Oktober 2006, 19:31
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Udo Jürgens feiert seinen 72. Geburtstag - Ein Gespräch über sein Image, Punkrock und die Geschichte mit den Kärntner Ortstafeln

STANDARD: Für mich ist das ein eher ungewöhnliches Interview. Im Normalfall sitze ich Künstlern gegenüber, die aus dem Punkrock und dem, was daraus wurde, kommen. Trotzdem kenne ich viele Ihrer Lieder. Was haben Sie eigentlich aus der Welt des Punkrock registriert?

Jürgens: Vielleicht hat man eine gewisse Art von Freiheit mitbekommen. Das war eine für die jungen Leute lustige Musikrichtung, wo sie sich nicht von dominierenden Persönlichkeiten und Stars eingeengt fühlten. Ansonsten denke ich, dass Punkmusik von Intellektuellen vollkommen überschätzt wird. Die verstehen natürlich nichts von Musik, von harmonischen Strukturen und bewundern Musiker und Akteure, die einfach drauflos musizieren und sich provozierend geben. Es dominiert Lautstärke, mit der bewusst die Mängel an Qualität übertüncht werden.

STANDARD: Haben Sie 1977 die Sex Pistols wahrgenommen?

Jürgens: Ja, aber verglichen mit dem, was dann später noch alles nach kam, haben die ja richtige Lieder gehabt.

STANDARD: Aber der "Sex and Drugs and Rock 'n' Roll"-Lebensstil ist Ihnen nicht ganz fremd.

Jürgens: Das ist überhaupt nicht fremd. Ich habe als junger Jazzmusiker in meinem Umfeld Drogen kennen gelernt, aber immer gewusst, dass das zu großen Problemen führt. Darum habe ich nie verstanden, dass dieser Lebensstil so verherrlicht wurde.

STANDARD: Haben Sie Hotelzimmer verwüstet oder Fernseher aus dem Fenster geworfen?

Jürgens: Überhaupt nicht. Wir haben das erstaunt gelesen, wie die Rolling Stones damit angefangen haben. Das war ja ungefähr zur selben Zeit, als das auch mit mir losgegangen ist. Ich glaube, da war sehr viel für die Medien inszeniert. Das war eine Zeit, in der Jugendliche erstmals rebellierten. Da brauchte es überhöhte optische Bilder. Die passten besser zu so wild aussehenden Typen wie den Rolling Stones.

STANDARD: Aber was haben Sie dabei empfunden?

Jürgens: Die Jugend hat sich damals zweigeteilt. In die, die das Kind mit dem Bade ausgeschüttet haben, und jene, die gelernt hatten: Es gibt nicht links und rechts, sondern nur oben oder unten, also erfolgreich sein oder nicht. Das war für mich in den 1950ern prägend. Dorthin habe ich versucht, mich zu entwickeln, ohne den Umweg, den die Rockmusik genommen hat, bevor sie erfolgreich wurde. Was die Stones dann in den Sixties mit Hotelzimmern gemacht haben, damit hätte ich mir nur geschadet. Vor allem, wenn man nicht den Weltmarkt bedient, sondern einen nationalen Markt. Da wird man ganz anders beobachtet. Wenn man wie die Stones nur einmal im Jahr vorbeikommt, da kann man sich danebenbenehmen, wie man will.

STANDARD: Haben Sie sich dann in den USA danebenbenommen?

Jürgens: Nein, auch nicht, ich bin ja dort kein Star gewesen, sondern "nur" ein erfolgreicher Komponist. Das Komponisten-Image ist ja kein Rock-'n'-Roll-Image.

STANDARD: Apropos Image: Nach der Trennung von Ihrer Frau wurde die Illustrierte "Bunte" von einer Ihrer Mitarbeiterinnen geklagt, der unterstellt wurde, sie wäre der Scheidungsgrund gewesen. Die "Bunte" rechtfertigte sich wörtlich mit: Die Klägerin sei "in ihrem Persönlichkeitsrecht nicht beeinträchtigt, da eine sexuelle Beziehung zu Udo Jürgens für viele Frauen wünschenswert sei".

Jürgens: Das ist natürlich grotesk. Aber vor solchen Bedingungen muss ich leben und auch ein Mensch, der mit mir zusammenarbeitet.

STANDARD: Aber es scheint Ihr Image zu sein. Einerseits der Womanizer, andererseits nennt Sie die "Süddeutsche Zeitung" einen "Poeten für Sachbearbeiter"...

Jürgens: Ich bewundere diese Wortkreationen. Gut, ich war nie der Rock-'n'-Roll-Typ. Was macht man also mit einem, der brav im schwarzen Anzug auf die Bühne kommt? Irgendwas muss sein. Also hat man den großen Lover aus mir gemacht. Dabei hat man großzügig übersehen, dass ich eine der raren Ausnahmen bin, die gleich viel männliches wie weibliches Publikum haben. Normalerweise verschiebt sich das ja dramatisch zugunsten der Damen, sogar bei den Schiachen. Aber natürlich habe ich, wie ich jung war, außerordentlich fröhlich dahingelebt. Dass das ein Image wird, das habe ich damals natürlich nicht bedacht.

STANDARD: Heute fallen Sie auf, wenn Sie mit Alice Schwarzer im Kaffeehaus sitzen ...

Jürgens: Natürlich, einen Abend mit Alice Schwarzer zu verbringen ist definitiv amüsanter als mit irgendeiner Schönheitskönigin.

STANDARD: Aktuell arbeiten Sie an einem Musical. Empfinden Sie diese Kunstform noch als zeitgemäß?

Jürgens: Es ist natürlich ein wenig angestaubt. Aber es gibt eine Reihe wirklich gut gemachter und erfolgreicher Musicals, von denen wir in Wien nur leider nichts zu sehen bekommen. Wenn ich mir da eine Kritik an dem von mir bewunderten Ioan Holender erlauben darf: Die Art und Weise, wie er sich über Musical geäußert hat, nämlich dass das Theater an der Wien davon wieder "geistig gereinigt" werden muss, das ist nicht richtig. Immerhin sind hier zu Lande ja selbst an Banalität nicht zu überbietende Operetten noch hoch anerkannt.

STANDARD: Sie haben selbst weit über 900 Lieder geschrieben. Zählt das eigentlich noch in Zeiten der meterweise gecasteten "Stars"?

Jürgens: Wirkliche Stars sind Menschen, die einen Teil unseres Lebens mit ihrer Kunst begleitet haben. Man ärgert sich hin und wieder über sie, findet manches schrecklich - siehe Michael Jackson -, aber aus deren Liedern haben wir auch unsere Zeit erkannt. Der gecastete Star ist meistens attraktiv anzusehen, aber er hat keinen Lebensweg, den wir mit ihm gegangen sind. Darum ist man auch nicht traurig, wenn die Sache nur zwei Jahre dauert. Das Hand-in-Hand-Gehen mit dem Publikum, das ist ein Wert, der ist nicht einfach so aus dem Hut zu zaubern.

STANDARD: Sie leben in Zürich, sind gleichzeitig Kärntner und insgesamt wohl Kosmopolit. Was denken Sie über die anhaltende Ortstafel-Farce in Ihrer Heimat?

Jürgens: Es ist kleinkariertes Denken auf beiden Seiten! Es gibt Leute, die glauben, Slowenien wolle Kärnten kassieren. Das ist genauso ein Unsinn wie umgekehrt. Zweisprachige Ortsschilder habe ich in vielen Gegenden der Welt gesehen, und man denkt sich eigentlich nichts dabei. In Kärnten gibt es da seltsame Urängste. Laibach ist eine Stadt, mit der kann Klagenfurt nicht mithalten. Aber das sind Probleme, die werden nicht mit Ortstafeln gelöst. Es ist ärgerlich, auf diese Art Probleme zu schaffen, wo eigentlich gar keine sind. (Karl Fluch, DER STANDARD Printausgabe, 30.9./1.10.2006)

  • Udo Jürgens mit neuer Live-CD und auf prolongierter Tour: "Ein Abend mit Alice Schwarzer ist amüsanter als mit einer Schönheitskönigin."
    foto: standard/fischer

    Udo Jürgens mit neuer Live-CD und auf prolongierter Tour: "Ein Abend mit Alice Schwarzer ist amüsanter als mit einer Schönheitskönigin."

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