Mailath-Pokorny will abgesetzten "Idomeneo" nach Wien holen

2. Oktober 2006, 15:34
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Wiens Kulturstadtrat will "Signal der Zivilcourage" setzen

Wien - Der Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (S) will die von der Deutschen Oper Berlin aus Furcht vor islamistischen Anfeindungen abgesetzte "Ideomeneo"-Produktion von Hans Neuenfels nach Wien holen. Er habe einen Brief an die Direktoren Ioan Holender (Staatsoper), Roland Berger (Volksoper) und Roland Geyer(Theater an der Wien) geschrieben, bestätigte man im Büro Mailath-Pokornys eine entsprechende Meldung der Tageszeitung "Österreich" von heute, Freitag.

"Dieser Entwicklung muss ein starkes Signal der Zivilcourage entgegen gesetzt werden, um nicht Gefahr zu laufen, die grundlegenden Freiheiten einer zivilisierten Demokratie aufzugeben", so Mailath in dem Brief. Darin bittet er die Direktoren, ob sie "Möglichkeiten sehen, diese Produktion nach Wien zu holen".

Verhältnismäßigkeit

Zur Diskussion um die Absetzung der Oper melden sich in der Tageszeitung "Presse" von heute auch Kulturschaffende zu Wort. Airan Berg, Chef des Wiener Schauspielhauses, ist zwar auch gegen die Entscheidung, vermisst aber die Verhältnismäßigkeit der Aufregung - "wenn man bedenkt, was in Wien derzeit für Plakate hängen, und darüber diskutiert fast niemand."

Der deutsch-türkische Schriftsteller Feridun Zaimoglu ist empört über die politische Einmischung: "Harms ist zum Sündenzicklein erkoren worden. Da werden von Aufklärungsspießern, die sich sonst nicht um jede Freiheit sorgen, große Töne über die Kunstfreiheit gespuckt. Aber die Entscheidung der Intendantin gehört eben auch zur Kunstfreiheit. Die Kritiker merken ja gar nicht, wie sehr sie in ihrem Geifer denjenigen nahe kommen, die sie verabscheuen." Die Kunst werde hier ideologisch missbraucht.

Auch der in Istanbul geborene Chef der Kunsthalle Krems, Tayfun Belgin sorgt sich um die Eingriffe der Politik, sieht aber einen guten Effekt in der Opern-Absetzung: "Wir fangen endlich an, über diese Fragen zu diskutieren. Einen Kulturdialog gibt es in Deutschland bis heute nicht, es wird nur über-, nicht miteinander geredet."

Für den iranisch-österreichischen Filmemacher Houchang Allahyari endet die Freiheit der Kunst dort, wo sie "Frieden zerstört". Für den Direktor der Wiener Kunsthalle Gerald Matt ist der Kurs klar: "Wenn man sich gefährdet erachtet, muss man agieren wie im Flugverkehr: Entweder stellt man ihn ein, oder man sichert ihn. Selbstzensur ist jedenfalls kein Mittel zur Verteidigung."

Die Intendantin der Deutschen Oper Berlin, Kirsten Harms, hatte die aus dem Jahr 2003 stammende Inszenierung des Regisseurs Hans Neuenfels, in der König Idomeneo die abgeschlagenen Köpfe von Jesus, Buddha, Poseidon und Mohammed präsentiert, aus Furcht vor islamistischen Anfeindungen abgesetzt. Sie hatte zuvor Warnungen der Sicherheitsbehörden erhalten. (APA)

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