Filmische Entdeckungsreisen

5. Oktober 2006, 07:58
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Unterschiedliche Frauenrollen und Elfriede Jelineks Lieblingsfilme im Rahmen des Internationalen Filmfestivals in Wien

Wien - Die insgesamt 44. und bereits zehnte Viennale unter der Leitung von Hans Hurch ist herangerückt: Das vollständige Programm ist auf der Festival-Homepage abrufbar, der Kartenvorverkauf ist in Gange, ebenso die Retrospektive zu Jacques Demy und Agnès Varda im Filmmuseum. Für etliche Filme sind nur mehr Restkarten an den Abendkassen erhältlich.

Ab 13. Oktober steht Wien für zwölf Tage wieder ganz im Zeichen des internationalen Films. Heuer sind fast vierzig Debütarbeiten bei der Viennale vertreten. Auf Entdeckungsreise geht es zwischen Weltpremieren und internationalen Erstaufführungen, zwischen asiatischen und US-amerikanischen Spielfilmen, zwischen österreichischen Porträt- und internationalen Musik-Dokus: "Ich will nicht von oben herab ein Motto vorgeben. Meine Idee ist es, dass sich aus der Vielfalt der Filme eigene Linien innerhalb des Festivals bilden", so Hurch.

Programmauszüge

Wir haben uns das Programm angesehen und stellen hier einige Filme mit unterschiedlichen Frauen(-rollen) vor:

  • A Tribute to Olivia de Havilland und Joan Fontaine: Die beiden Schwestern gehören zu den letzten überlebenden Stars der Ära des "Goldenen Hollywood". Ihnen verdankt das Kino einige der schönsten, berührendsten und differenziertesten Frauendarstellungen der Geschichte. Bei der Viennale sind insgesamt 18 Filme mit den beiden Schauspielerinnen zu sehen.

  • Am 20. Oktober feiert die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek ihren 60. Geburtstag. Aus diesem Anlass ist der Schriftstellerin ein eigener Kino-Tag gewidmet, an dem die Viennale eine Auswahl ihrer Lieblingsfilme zeigt, darunter "Bildnis einer Trinkerin", "Lost Highway" und "Vertigo".

  • Die "Retrospektive" ist Jacques Demy und Agnès Varda gewidmet. Die FilmemacherInnen waren viele Jahrzehnte als privates Paar verbunden, filmisch schlugen sie sehr unterschiedliche Wege ein. Zahlreiche Filme der großen Chronistin und neugierigen Zeugin eines alltäglichen, verwirrenden und manchmal dramatischen Daseins sind zu sehen.

  • Das "Special Program" widmet sich kinematografischen Expeditionen in die Tropen und trifft dabei unter anderem auf eine Schlangenpriesterin ("Cobra Woman") oder auf die thailändische Sage vom jungen Soldaten Keng und seinem Freund Tong ("Sud Pralad").

    >>> Dokumentarfilme und Spielfilme

    Dokumentarfilme

  • "Les Disques de Rivka": Rivka hat das Massaker an den Juden in ihrem litauischen Heimatdorf im Jahre 1941 überlebt, begangen von jenen Menschen, die mit den Opfern jahrzehntelang Tür an Tür gewohnt hatten. Nach dem Krieg war es Rivka, die sich um eine Opferstätte und um das Andenken an die Ermordeten kümmerte. Sechzig Jahre später spielt sie Schallplatten mit Aufnahmen von Musik vor, die in Synagogen gespielt wurde, und erzählt ihre Geschichte.

  • Aleksandr Sokurovs Dokumentarfilm "Eleghia Zhizni. Rostropovich. Vishnevskaya" zeichnet das Leben der legendären Operndiva Galina Vishnevskaya sowie dasjenige ihres Ehemannes Mstislav Rostropovich, des virtuosen Musikers und Dirigenten, nach.

  • "Kurz davor ist es passiert" von Anja Salomonowitz untersucht das globale Phänomen des Frauenhandels und die Mechnismen und Machtsysteme, welche ihn ermöglichen. Ein Film über falsche Versprechungen, Ausbeutung, Schuld, Gewalt und Enttäuschung. (Filmvorführung in Anwesenheit von Anja Salomonowitz.)

  • "Match Made": Organisiert von Heiratsagenturen reisen heiratswillige Männer aus verschiedenen Ländern Asiens nach Vietnam, um sich eine Frau zu "kaufen". Der Film folgt einem aus Singapur angereisten Mann, dem in einem Hotelzimmer Dutzende von Frauen vorgestellt werden. Sie stammen aus der ländlichen Umgebung Saigons. (Filmvorführung in Anwesenheit von Mirabelle Ang.)

  • "Miss Universe 1929 - Lisl Goldarbeiter. A Queen in Wien": 1929 wird ein jüdisches Mädchen aus einfachen Wiener Verhältnissen zur schönsten Frau der Welt gewählt. Lisl Goldarbeiter bleibt dennoch am Boden, lehnt diverse lukrative Angebote ab und führt ihr Leen wie zuvor. Bis sich die politischen Verhältnisse dramatisch ändern, ihre Familie flüchten muss und ihr Vater im KZ umkommt. (Filmvorführung in Anwesenheit von Péter Forgács.)

  • "Sisters in Law": Die Richterin Beatrice Ntuba und die Staatsanwältin Vera Ngassa arbeiten in Kumba, einem kleinen Ort im Südwesten Kameruns, und begreifen sich als Anwältinnen von Frauen, die Opfer von Gewalttaten wurden. Fall für Fall erkämpfen sich die beiden Rechtshüterinnen Achtung in der muslimischen Gemeinde, mitfühlend gegenüber den Opfern, eloquent und bestimmt gegenüber den mutmaßlichen Tätern. Und allen repressiven Wortmeldungen aus der Gemeinde zum Trotz setzt in den Köpfen ein Umdenken ein. "Sisters in Law" ist ein Plädoyer für Gerechtigkeit und Dokument rechtsstaatlicher Errungenschaften.

  • "Veruschka - Inszenierung (m)eines Körpers": Vera von Lehndorff lebt nicht gerne in Erinnerungen, obwohl sie auf eine Karriere zurückblicken kann, die sich auch 40 Jahre danach atemberaubend glamourös erzählen lässt: Als "Veruschka" wurde sie zum Supermodel, bereits 1970 hatte man ihr Gesicht auf 800 Modemagazinen weltweit gesehen. Sie wurde zur Muse von Künstlern wie Dalí, entwickelt später eine Art Körper-Aktionismus mit künstlerischen Mitteln, eine spannende Form der Selbstinszenierung. In der Dokumentation ist eine außergewöhnliche, selbstbewusste und emanzipierte Frau zu erleben.

    >>> Spielfilme

    Spielfilme

  • "L'Année suivante" (F 2006): Die 17-jährige Emmanuelle wohnt in einem Pariser Vorort. Jeden Tag fährt die junge Frau in das Spital, in dem ihr todkranker Vater liegt. Als dieser stirbt, bleiben Mutter und Tochter alleine übrig, aber nur Emmanuelle scheint den Vater zu vermissen. Sie schaut sich alte Fotos an und lauscht den Tonbandaufnahmen seiner Stimme. Für die Mutter geht das Leben weiter, während Emmanuelle keinen Bezugspunkt mehr hat und keine Freude am Leben mehr empfindet. Ruhe findet sie nur in den endlosen, täglichen Pendelfahrten mit Bus und U-Bahn, die ihrem Leben einen Rhythmus geben und sie an die letzten gemeinsamen Momente mit ihrem Vater erinnern. "L'Année suivante" ist ein Film über den unwiderruflichen Verlust eines geliebten Menschen, über das Ende der Jugend und den abrupten Beginn des Erwachsenenlebens.

  • "Ça brûle" (F 2006): Ein junges, leidenschaftliches Mädchen, das sich in einen um vieles älteren Mann verliebt. Ein Begehren wider alle Vernunft und gerade deshalb so stark und erfinderisch, um in einer Gesellschaft zu bestehen, die eine solche Verbindung nicht will. (Filmvorführung in Anwesenheit von Claire Simon.)

  • "Come Early Morning" (USA 2006): Lucy ist eine Frau Mitte dreißig aus einer Kleinstadt im Süden der USA. Im Normalfall beginnt für sie der Tag damit, dass sie mit einem furchtbaren Kater aufwacht - und neben einem Mann, den sie am liebsten nicht einmal mehr ansehen möchte. Angetrieben von einer nuancierten Darbietung Ashley Judds und einer effizienten Erzählweise geht es in "Come Early Morning" um Lebensübergänge, der Suche nach Liebe und den Lasten, die wir alle mit uns herumschleppen.

  • "Digital Short Films 2006 - Talk to Her" (Zwei Spielfilme aus Südkorea 2006): "No Day Off" von Eric Khoo verfolgt über einen Zeitraum von vier Jahren das Leben von Siti, einer jungen Frau, die ihren Mann und ihr Kleinkind in ihrem Heimatdorf zurücklässt, um als Dienstmädchen in Singapore zu arbeiten. Aus der Perspektive Sitis erzählt, schildert der Film von den Prüfungen und Leiden, welche die junge Frau in den Diensten dreier verschiedener Familien durchlebt.

  • "Du hast gesagt, dass du mich liebst" (D 2005): In diesem Film von Rudolf Thome ist Hannelore Elsner eine Frau zwischen Areit und Einsamkeit, zwischen Älterwerden und neuer Liebe. (Filmvorführung in Anwesenheit von Rudolf Thome und Hannelore Elsner.)

  • "In Between Days" (USA/Kanada 2006): Der Film der Regisseurin Kim So erzählt von einem pubertierenden Mädchen aus Südkorea, das so viel Sprachlosigkeit und Verlorenheit aus ihrem alten Leben mit nach Toronto genommen zu haben scheint, dass sie sich in ihrem neuen, kanadischen fast völlig isoliert.

  • "Kaleldo" (Philippinen 2006): Der verwitwete Holzschnitzer Mang Rudy hat drei Töchter: Grace, die jüngste, die zu Beginn heiratet. Lourdes, die mittlere, die berufstätig ist und eine Affäre mit einem Kollegen hat. Und Jeff, die älteste, die aus ihrem Lesbisch-Sein kein Geheimnis macht. Die vier Elemente - Wasser, Feuer, Erde, Luft - geben den einzelnen Kapiteln ihre Titel. Währenddessen wechseln die Jahreszeiten. Und geschehen einschneidende Veränderungen.

  • "Masters of Horror": Die Filme aus den USA 2005 im Horrorgenre drehen sich u.a. um eine gnadenlose Schönheit mit teilweise tierischer Herkunft ("Deer Woman") und eine junge Frau als entstelltem Monster ("Jenifer").

  • "Montag kommen die Fenster" (D 2005): Eine neue Stadt, ein neues Haus - es könnte ein glücklicher Moment sein im Leben einer Kleinfamilie. Die Ärztin Nina (Isabelle Menke) hat ein paar Tage Urlaub genommen, ihr Mann Frieder legt Fliesen, und Tochter Charlotte spielt in ihrem Kinderzimmer. Auch die Anlieferung neuer Fenster wird bereits erwartet. Doch Nina steht entfremdet in den halbleeren Räumen - und lässt ihre Familie ohne Nachricht zurück ... Ulrich Köhlers zweiter Spielfilm erzählt von der Orientierungslosigkeit der Mittelklasse. (Filmvorführung in Anwesenheit von Ulrich Köhler.)

  • "Nokofurin Toraretaonna" (Japan 2004): Die Geschichte einer jungen Frau, die sich am Vorabend ihrer Hochzeit in ein heftiges erotisches Abenteuer stürzt, ist ein ungewöhnlicher Grenzgang zwischen erotischem Kino und unabhängigem Film.

  • "Nue propriété" (B/F/LUX 2006): Pascale lebt mit ihren zwei Söhnen, den zweieiigen Zwillingen Thierry und François, auf einem alten restaurierten Bauernhof. Obwohl sie den beiden sehr nahe steht, sehnt sie sich nach einer Veränderung in ihrem Leben. Ihr Traum, die Arbeitsstelle aufzugeben, das Haus zu verkaufen und sich zusammen mit ihrem Freund, dem Nachbarn Jan, selbstständig zu machen, stößt bei den Söhnen, insbesondere bei Thierry, auf starke Ablehnung. Und Thierrys Auseinandersetzungen mit seiner Mutter belasten auch das Verhältnis der beiden Brüder zueinander. Als Pascale die Situation schließlich nicht mehr ertragen kann, zieht sie vorübergehend aus und lässt die beiden alleine im Haus zurück.

  • "Rabia" (Chile 2006): Camila ist 25 Jahre alt, seit mehr als einem Jahr arbeitslos und auf der Suche nach einer Stelle als Sekretärin. Ein Bewerbungsgespräch folgt dem nächsten, und Camila muss dabei stets die gleichen unsinnigen Fragen über sich ergehen lassen: Trotz ihrer Ausbildung scheint sie für keine Stelle qualifiziert genug. Der Film beschreibt nicht nur den Hindernislauf einer jungen Frau in einem Land vor dem Hintergrund einer angespannten wirtschaftlichen Situation, sondern enthüllt zugleich eine Abfolge von oberflächlichen Beziehungen und endlosen Enttäuschungen.

  • "Romance & Cigarettes" (USA 2005): Der Stahlarbeiter Nick und seine sanftmütige Frau Kitty sind seit Jahren miteinander verheiratet. Sie haben drei fast erwachsene, aber noch zu Hause lebende Töchter und wohnen in einem bescheidenen Häuschen in der Nähe des Flughafens von Queens, New York. Das Familienglück endet jedoch an dem Tag, an dem Kitty entdeckt, dass Nick sie mit der rothaarigen Verkäuferin Tula betrügt. Mit Susan Sarandon, Kate Winslet.

  • "Sa-kwa" (Südkorea 2005): Nachdem Hyun-Jung, erfüllt vom Wunsch nach Unabhängigkeit, ihren langjährigen Freund verlassen hat, lernt sie einen anderen Mann kennen. Unsicher über ihre Zukunft gibt sie schließlich dem Werben nach, willigt in eine Heirat ein und bringt wenig später sogar einen Sohn zur Welt. Doch die ersten Trennungsgedanken tauchen bald im selben Ausmaß auf wie ihr ehemaliger Freund.

  • "Stephanie Daley" (USA 2006): Stephanie Daley ist knapp 16, als sie beschuldigt wird, ihr Kind getötet zu haben. Obwohl sie ihre Unschuld beteuert, wird eine Untersuchung eingeleitet. Lydie Crane, eine auf Verbrechen spezialisierte Psychologin, wird beauftragt herauszufinden, was sich hinter dem hartnäckigen Leugnen der jungen Frau verbirgt. Lydie, nach einer Fehlgeburt wieder schwanger, wird dabei mit ihren eigenen Ängsten konfrontiert. Die Begegnung führt dazu, dass beide Frauen sich ihren Problemen stellen. Hochkarätig besetzt mit Tilda Swinton, Timothy Hutton sowie der brillanten Amber Tamblyn in der Titelrolle, handelt "Stephanie Daley" von zwei Menschen, die von den Ereignissen überrollt werden. Regisseurin Hilary Brougher arbeitete mit natürlichem Licht, das die Gefühlswelt der Figuren reflektiert und die Angstzustände nachvollziehbar macht.

  • "Toi et moi" (F 2005): Die Geschichte zweier Pariser Halbschwestern und ihrer Liebesnöte: Ariane ist eine etwas exzentrische Texterin von Fotoromanen (Julie Depardieu), Léna (Marion Cotillard) eine ernsthafte Cellistin. Die Wirren der beiden beginnen damit, dass sich erstere zwischen einem wohlhabenden, aber betrügerischen Charmeur und einem freundlichen Bauarbeiter entscheiden muss, und zweitere zwischen ihrer ein wenig langweiligen Sandkastenliebe und einem attraktiven Kollegen.

  • "Vibrator" (Japan 2003): Rei, eine junge freiberufliche Journalistin, lebt ganz in ihren Gedanken versunken, scheint zusehends imaginären Stimmen zu verfallen. Was als inneres psychologisches Drama beginnt, verwandelt sich alsbald in ein flottes Roadmovie. Die Fahrt, die für Rei zugleich Befreiung und Flucht bedeutet, bringt das geistige Erwachen der jungen Frau zum Ausdruck.

  • "Yawarakai seikatsu" (Japan 2005): Ein kleines Essay über das Leben selbst: Die 35-jährige Yuko lebt als Single, und obwohl Männer in ihrem Leben durchaus eine Rolle spielen, verzichtet die junge Frau auf echte, tiefe Beziehungen. Vielmehr gibt es für jedes ihrer Bedürfnisse einen speziellen Mann.
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