Fasslabend spricht von "Hühnerhofsyndrom" bei den Gewerkschaften

28. Juni 2000, 15:08

Scharfe Kritik am ÖBB-Streik

Wien - Mit scharfen Worten kritisierte ÖAAB-Obmann Werner Fasslabend am Mittwoch den ÖBB-Streik, aber auch die ÖGB-Spitze. Der Streik sei "sicherlich kein Ruhmesblatt in der Geschichte der Gewerkschaftsbewegung". Er bedeute "möglicherweise die einseitige Beendigung der umfassenden Sozialpartnerschaft, die durch Jahre erfolgreich war". Erstmals sei ein Streik organisiert worden, ehe Verhandlungen beendet seien.

Fasslabend nannten die ÖGB-Aktion einen "Unstreik": Sie erfolge zur "Unzeit", weil das Verhandlungsergebnis nicht abgewartet werde. Sie sei "unsozial", weil versucht werde, Privilegien der Eisenbahner zu verteidigen. Sie sei "unfair", weil sie einen Imageschaden für das Unternehmen ÖBB bringe. Und der Streik sei "letztlich unwirksam", weil eine mögliche Verhandlungslösung dadurch unmöglich gemacht werden könnte. Aus "Egoismus einer Einzelgewerkschaft" werde die Sozialpartnerschaft in Frage gestellt. Positiv vermerkte Fasslabend, dass ÖGB-Präsident Fritz Verzetnitsch nicht offen positiv zum ÖBB-Streik Stellung genommen habe.

"Realitätsverlust"

Aber er machte der ÖGB-Spitze wegen ihres Verhaltens zur Pensionsreform schwere Vorwürfe: Sie leide unter "Realitätsverlust", weil sie nicht zur Kenntnis nehme, dass die Erhöhung des Frühpensionsalters um 1,5 Jahre komme und sie über Begleitmaßnahmen und Detailbestimmungen verhandeln sollte. Der ÖAAB habe "im Grunde alleine verhandelt".

Fasslabend sprach von einem "Hühnerhofsyndrom" bei den Gewerkschaften: Viele würden nur herumlaufen und "ein wenig gackern", was nicht zielführend sei. Er warnte auch vor einem "Abdriften" des ÖGB von der Unabhängigkeit zu einer "Richtungsgewerkschaft". "Die Gewerkschaft darf sich nicht zum Gusenbauer-Werkzeug degradieren lassen", meinte er.

Nürnberger weist Kritik zurück

ÖGB-Vizepräsident Rudolf Nürnberger hat Fasslabends Kritik scharf zurückgewiesen. Fasslabend solle sich auf seine Funktion als Obmann einer politischen Arbeitnehmerorganisation besinnen, so der Vorsitzende der Gewerkschaft Metall-Textil am Mittwoch in einer Aussendung. Es werde der Regierung nicht gelingen, einen Keil zwischen die verschiedenen Gewerkschaften zu treiben.

Vorwürfe Fasslabends, die Gewerkschaft beende durch ihren Streik die Sozialpartnerschaft, wies Nürnberger ebenfalls von sich. Nicht die Gewerkschaften, sondern die Regierung hätten den Weg der Sozialpartnerschaft verlassen: "Man lädt uns zu Gesprächen ein und sagt, an Eckpunkten wird nicht gerüttelt. Man bringt Gesetze ohne Begutachtungsverfahren im Nationalrat ein. Wo da der sozialpartnerschaftliche Dialog sein soll muss mir jemand erklären." Außerdem, so Nürnberger weiter, habe Fasslabends Parteikollege Günter Stummvoll vor wenigen Tagen selbst das Ende der Sozialpartnerschaft verkündet.(APA)

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