"Mozart"-Regisseur Milos Forman kritisiert "Idomeneo"-Absetzung

2. Oktober 2006, 15:34
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"Wenn wir einmal damit anfangen, uns vor den Extremen zu fürchten, tragen wir am Ende alle Mao Tse-Tungs Tunika"

Berlin - Der Filmemacher Milos Forman, Regisseur des Kassenschlagers "Amadeus", hat die Absetzung der Mozart-Oper "Idomeneo" an der Deutschen Oper Berlin scharf kritisiert. "Es ist mehr als lächerlich, es ist gefährlich", sagte der 74-jährige Forman der "Frankfurter Rundschau" (Freitag). "Die Inszenierung rief doch nicht zur Gewalt auf! Sie sagte doch nicht: Geht auf die Straße und bringt Muslime um, oder?" Der tschechisch-amerikanische Regisseur verwahrte sich gegen die Beschneidung künstlerischer Freiheiten: "Wenn wir einmal damit anfangen, uns vor den Extremen zu fürchten, tragen wir am Ende alle Mao Tse-Tungs Tunika."

Verständnis für die Opern-Absetzung äußerte dagegen US-Botschafter William Timken. Schließlich habe es berechtigte Sorgen um Leib und Leben von Schauspielern und Zuschauern gegeben, sagte Timken der Zeitung. "Vor allem gilt die Freiheit der Kunst, aber ich persönlich finde solche geschmacklosen Inszenierungen ohnehin unangebracht." Völlig unnötigerweise könnten damit die Gefühle von Gläubigen vieler Religionen verletzt werden, erklärte der Botschafter.

US-Botschafter: "Kein grundsätzlicher Konflikt"

Ein grundsätzlicher Konflikt zwischen der muslimischen Welt und dem Westen existiert nach Überzeugung des 68-Jährigen nicht. "Einen so genannten Kampf der Kulturen gibt es nicht, da bin ich sicher", sagte Timken. Der Islam sei durchaus mit westlichen Werten und Grundsätzen vereinbar. "Es gibt in jeder Religion im Judentum, im Islam und selbst im Christentum kleine Gruppen von Extremisten, die mit niemandem zurecht kommen." Es sei aber falsch, davon auf die Mehrheit zu schließen.

Der Vorsitzende des Islamrats in Deutschland, Ali Kizilkaya, widersprach indessen der Darstellung von Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU), dass sich alle Teilnehmer der Islamkonferenz in Berlin gemeinsam eine Aufführung der Oper ansehen möchten, wenn sie wieder gespielt werde. "Das muss ich mir nicht antun", sagte Kizilkaya der "taz" ("tageszeitung", Freitag). "Kunstfreiheit heißt nicht, dass man sich alles anschauen muss."

Kein einstimmiger Beschluss der Islamkonferenz

Kizilkaya sagt dazu: "Für mich ist es nicht zumutbar, eine Szene anzusehen, in der dem Propheten der Kopf abgeschlagen wird." Der Vorsitzende des Islamrats betonte, auch er finde es falsch, dass die Oper aus Angst vor möglichen Anschlägen abgesetzt worden sei. Von einem einstimmigen Beschluss der Islamkonferenz zum gemeinsamen Opernbesuch könne jedoch keine Rede sein, sagte Kizilkaya, "auch wenn der Minister das gerne so hätte". Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, der den gemeinsamen Opernbesuch vorgeschlagen hatte, bedauerte Kizilkayas Absage. (APA/dpa)

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    Milos Forman zur "Idomeneo"-Absetzung: "Es ist mehr als lächerlich, es ist gefährlich".

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