Lula geißelt Vorurteile der Oberschicht

1. Oktober 2006, 21:03
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Präsident verweigert TV-Debatte vor Wahl

Es war keine einfache Woche für Luiz Inácio Lula da Silva. In den letzten Umfragen vor der brasilianischen Präsidentenwahl am Sonntag pendelten seine Werte um die 50-Prozent-Marke, Tendenz: leicht fallend. Vorgestern stand der Staatschef vor dem Dilemma, ob er seinen drei schärfsten Rivalen in einer Fernsehdebatte die Stirn bieten sollte. Um ihnen keine „Plattform für Rüpeleien und Aggressionen“ zu bieten, schrieb Lula dem TV-Sender Globo, habe er sich dagegen entschieden. Eine weitere Furcht dürfte ebenfalls zu seiner Absage beigetragen haben: Etwaige Fehltritte hätte ihm die Presse bis zum Wahltag schonungslos vorgehalten.

Während der rechte Sozialdemokrat Geraldo Alckmin, die Sozialistin Heloísa Helena und Lulas früherer Erziehungsminister Cristovam Buarque zu einem Schattenboxen gezwungen waren, ließ sich Lula von den Gewerkschaftern in der Metallerhochburg São Bernardo do Campo feiern. „Ihr habt keine Vorstellung von der Last, ein Land zu regieren, in der ein kleiner Teil der Elite jeden Tag seine giftigen Vorurteile verbreitet“, rief der 60-Jährige im Hinblick auf die großen Medien.

„Sobald ich kann, werde ich einmal ein Buch darüber schreiben, wie boshaft einige Journalisten in diesen vier Regierungsjahren über mich und meine Familie hergezogen sind“. Die Oberschicht wolle am liebsten „das Volk austauschen“, ereiferte sich der ehemalige Metallarbeiter, der im armen Nordosten geboren wurde und als Sechsjähriger mit Mutter und Geschwistern nach São Paulo zog. „Im Grunde spielt die Frage der Hautfarbe mit hinein. Es war nicht vorgesehen, dass meine Klasse an die Macht kommen könnte“.

Während Lula bei den Armen auf überwältigende Mehrheiten kommt, favorisiert die urbane Mittel- und Oberschicht São Paulos Ex-Gouverneur Alckmin. In der Praxis sind die Unterschiede zwischen Lulas Arbeiterpartei und Alckmins Sozialdemokraten gering. Bei den gleichzeitig stattfindenden Parlaments- und Gouverneurswahlen zeichnen sich konservative Mehrheiten ab.

Stichwahl möglich

Sollte Lula im ersten Wahlgang am Sonntag mindestens 50 Prozent plus eine Stimme erhalten, würde er das Rennen für sich entschieden haben. Anderenfalls gehen die beiden bestplatzierten Kandidaten in eine zweite Runde am 29. Oktober. Brasilien ist mit 185 Millionen Einwohnern das bevölkerungsreichste Land Lateinamerikas. Davon unterliegen etwa 125 Millionen Bürger der Wahlpflicht. Bei vergangenen Abstimmungen lag die Wahlbeteiligung dennoch nur etwas über 80 Prozent. (Gerhard Dilger aus Porto Alegre/DER STANDARD, Printausgabe, 30. September/1. Oktober)

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